Straßenhunde in Kroatien: Interview mit der kroatischen Sängerin und Schauspielerin Dunja Rajter
Dunja Rajter und ihre Hündin Tara
Redaktion:
Frau Rajter, neben vielen humanitären Projekten engagieren Sie sich auch sehr stark für den Tierschutz in Ihrer Heimat Kroatien. So sind Sie Schirmherrin des Fördervereins Tierschutzprojekt Kroatien. Wie kam es dazu?
Dunja Rajter:
Das Elend der Tiere, vor allem der Straßenhunde, ist in Kroatien unvorstellbar. Wie in so vielen Ländern. Täglich erreichen uns Briefe und Mails mit schrecklichen Bildern von Hunden, die in Lagern unter erbärmlichsten Bedingungen gehalten werden und dringend unsere Hilfe brauchen. Da ich selbst einen Straßenhund aus Kroatien habe, habe ich auch sofort zugesagt, als mich Volker Fritzemeier um Hilfe für den Tierschutz bat.
Redaktion:
Herr Fritzemeier, Sie sind Vorsitzender des von Ihnen gegründeten Vereins und leben die meiste Zeit in Kroatien. Wie schwer hat es der Tierschutz in Kroatien?
Herr Fritzemeier:
Wir sind seit 5 Jahren dort tätig. 9 Jahre lang habe ich nach dem Balkankrieg für verschiedene internationale Organisationen in dem Land gearbeitet und bekam Kontakt zu einem Verein, der etwa 50 Hunde vor Ort und weitere 150 Tiere in Pflegestellen untergebracht hatte. Konsequenz daraus: ein Tierheim musste gebaut werden. Über Bekannte habe ich den Bürgermeister von Ivanic Grad kontaktiert. Mittlerweile sind wir im ganzen Land tätig. Meine Frau fragte mich, ob wir nicht Kontakt zu Dunja Rajter aufnehmen könnten – so entstand eine wunderbare Zusammenarbeit.
Redaktion:
Tierschutz ist in Kroatien – wie in den meisten Ländern - noch nicht sehr etabliert, oder?
Herr Fritzemeier:
Das ändert sich gerade! Vor allem bei den jungen Menschen. Es herrscht Aufbruchstimmung. Es gibt immer mehr Vereine, die kontrollieren, was die offiziellen Stellen tun. Die Korruption im Land ist allerdings immer noch groß. „Legalisierte Geldwäscherei“ nenne ich das, was mit den Tieren passiert. Wir können zwar keine große finanzielle Unterstützung leisten, da wir nur ein kleiner Verein sind, aber wir versuchen, die Tierschützer in einem Netzwerk zu vereinen und umfassende organisatorische und administrative Hilfe zu leisten.
Redaktion:
Frau Rajter, wie ist denn die Einstellung der Bevölkerung in Kroatien zum Thema Tierschutz und zu Tieren überhaupt?
Dunja Rajter:
In der Großstadt Zagreb ist alles prima. Dort gibt es gut arbeitende Tierschutzvereine. Straßenhunde werden hier abgeholt, medizinisch versorgt, kastriert und ins Tierheim gebracht und von dort vermittelt. Seit 2002 gibt es auch keine Tötungen mehr.
Redaktion:
Woran liegt es, dass es dort funktioniert und im übrigen Land nicht?
Dunja Rajter:
Eventuell liegt es an der Aufgeschlossenheit der Menschen in der Großstadt. In den ländlichen Gebieten ist es anders. Da ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig. Wir wollen damit in den Schulen anfangen. Das könnte ein hoffnungsvoller Weg sein.
Redaktion:
Erzählen Sie uns bitte etwas über das Tierheim in Ivanic Grad, das Sie ausbauen möchten.
Herr Fritzemeier:
Insgesamt sollen dort 1000 Tiere untergebracht werden können. Mit dem Bürgermeister stehen wir in engem Kontakt. Vier Hektar Land stehen zur Verfügung. Unsere Tierschutzaufgaben in Kroatien liegen aber vor allem in der Aufklärung der Bevölkerung und im Aufbau wirkungsvoller Strukturen. Unsere Philosophie ist, die Hunde im Land zu lassen.
Redaktion:
Also Tierschutz als Hilfe zur Selbsthilfe?
Herr Fritzemeier:
Genau. Wir bringen nur in sehr seltenen Fällen Hunde nach Deutschland. Viele Vereine außerhalb Kroatiens sind so gefangen in ihrer Rettungsidee und transportieren z.B. beinahe jedes Wochenende Hunde nach Österreich. Das machen wir nicht und sehen darin auch keine Lösung des Problems.
Redaktion:
Frau Rajter, was können Sie dank Ihrer großen Bekanntheit in der Öffentlichkeit für den Tierschutz bewegen?
Dunja Rajter:
Bei jedem meiner Besuche in Kroatien versuche ich, die Presse dazu zu bringen, über den Tierschutz zu berichten. Sie kontrolliert später auch, ob die Versprechen, die gemacht wurden, auch gehalten werden. Deshalb sind prominente Persönlichkeiten wichtig. Wir nutzen das natürlich auch aus!
Redaktion:
Sie haben sogar die Kirche zur Mitarbeit aufgefordert?
Dunja Rajter:
Ja. Ich habe einen Brief an das Kirchenoberhaupt in Zagreb geschrieben und wir warten auf Antwort. Kroatien ist ein sehr gläubiges Land, deshalb könnte die Kirche in ihren Predigten wertvolle Arbeit leisten. Die Kirche hat einen sehr großen Einfluss auf die Bevölkerung.
Redaktion:
Hat die kroatische Bevölkerung Haustiere?
Dunja Rajter:
Ja. Im Norden und in der Hauptstadt schon – an der Küste ist es aber beispielsweise nicht selbstverständlich. Dort geht es den Hunden sehr schlecht.
Redaktion:
Obwohl die Küste ein Touristengebiet ist?
Herr Fritzemeier:
Den Zusammenhang muss man den Bürgermeistern und offiziellen Stellen dort noch vermitteln – bisher glauben sie nicht, dass Tierschutz einen Einfluss auf den Tourismus hat. Die Leute dort sind noch nicht umfangreich informiert. Aber wir wollen mit Unterstützung des Landwirtschaftsministeriums die Tourismusbranche mit einbeziehen.
Redaktion:
Kann man auch etwas von Deutschland aus tun?
Fritzemeier:
Sicher! Zum Beispiel mit Pressearbeit. Aber auch Touristen, die sich an den richtigen Stellen über die Lage vor Ort beschweren, können helfen.
Dunja Rajter:
Leider kann die Deutsche Botschaft dort nicht sehr viel tun – da rennt man gegen die Wand. Mittlerweile erkennen aber viele junge Leute im Land das Leid. Was wir brauchen, ist ein funktionierendes Netzwerk in Kroatien. Dieses Netzwerk muss dann unterstützt werden, damit weitere Vereine gegründet werden. Unser Ziel ist eine Karte von Kroatien zu entwickeln, auf der alle Tierschützer und Vereine ortsbezogen gekennzeichnet sind. Diese Tierschützer haben dann durch uns auch die Verbindung nach Deutschland.
Redaktion:
Wenn nun Tierschützer, die von dem Projekt erfahren, Anschluss an das Netzwerk suchen – was müssen sie tun?
Herr Fritzemeier:
Uns kontaktieren. Ganz einfach! Wir freuen uns über jeden. Je größer das Netzwerk, desto besser unsere Arbeit und unser Einfluss.
Redaktion:
Wie viele Adressen hat das Netzwerk mittlerweile?
Herr Fritzemeier:
So um die 300. Wir haben auch im Laufe dieses Jahres vor, über unsere Kontakte nach Österreich und in die Schweiz ein Tierschutzbüro in Zagreb zu finanzieren.
Redaktion:
Welche Aufgaben soll dieses Büro haben?
Dunja Rajter:
Unter anderem wird es die Koordination des Netzwerks übernehmen. Aber auch Wissen vermitteln und Informationen herausgeben z.B. wie man einen Tierschutzverein gründet. Ganz wichtig: die Kontakte zur Presse herstellen und halten.
Redaktion:
Frau Rajter, Herr Fritzemeier, wir danken Ihnen für das Gespräch und viel Erfolg in Kroatien.
Wenn auch Sie sich dem Netzwerk Förderverein Tierschutzprojekt Kroatien anschließen möchten, dann nehmen Sie Kontakt mit Herrn Fritzemeier auf: vfritzemeier@t-online.de. Mehr über den Verein und seine Arbeit erfahren Sie unter: www.tierschutzpojekt-kroatien.com