Die Welt steht Kopf

Silvester mit den Tierzurückbringern

© TASSO e.V.
Hoffentlich ist es bald geschafft: Büroschnauze Lady mag keine Böller.

Der erste Anruf des neuen Jahres bringt keine guten Nachrichten. Kaum hat TASSO-Mitarbeiterin Sabrina Falke mit ihren Kollegen in der TASSO-Notrufzentrale auf das neue Jahr angestoßen, da ruft das Klingeln ihres Telefons sie zurück an den Schreibtisch. Die Anruferin berichtet aufgeregt: „Wir haben gerade auf der Autobahn einen Hund gesehen! Er rannte völlig panisch an uns vorbei.“ Das sind schlimme Neuigkeiten. Es gibt kaum einen gefährlicheren Ort. Sabrina nimmt die Sichtungsmeldung auf, lässt sich sowohl den Hund als auch den Ort beschreiben. Sie kennt die Strecke selbst gut. „Da ist viel Wald, ich hoffe, dass der Hund schnell von der Autobahn runterläuft“, sagt sie, nachdem sie aufgelegt hat. Zeit, sich lange um das Schicksal des Vierbeiners zu sorgen, bleibt nicht. Der nächste Anrufer ist schon in der Leitung.

In der Nacht vom 31.12. auf den 1.1. herrscht bei TASSO Jahr für Jahr der Ausnahmezustand. Das Feuerwerk zum Jahresende sowie all die Böller, die vor und nach Mitternacht gezündet werden, versetzen viele Tiere in Panik. In der TASSO-Notrufzentrale nehmen die Mitarbeiter nun im Minutentakt Vermisstenmeldungen auf, notieren Sichtungen, erstellen Suchplakate und vereinen registrierte Fundtiere wieder mit ihren Haltern.

Sabrina und Lady in der Silvesternacht in der TASSO-Notrufzentrale © TASSO e.V.
In der Silvesternacht ist viel zu tun bei TASSO.

Sicherheit für die vierbeinige Freundin

 „Mir bedeutet es viel, heute Nacht für die Menschen und Tiere da zu sein. Ich habe auch im Vorjahr in der Silvesternacht gearbeitet und dabei gemerkt, wie wichtig es ist, dass wir im Einsatz sind“, sagt Sabrina. Ihre eigene Hündin Lady ist in den Tagen rund um Silvester nur dreifach gesichert draußen unterwegs. Halsband, Geschirr, zwei Leinen, die in einer dritten eingehängt werden, die sich die 36-Jährige um den Körper legt. „Ich weiß aus erster Hand, wie schnell es geht, dass ein Hund entläuft, da gehe ich auf Nummer sicher. Und Lady hat große Angst vor den Böllern.“ Sabrina kann Lady Schutz bieten, doch die Angst, die die zarte Mischlingshündin in dieser Nacht durchlebt, kann sie ihr nicht nehmen. „Auch deswegen arbeite ich gerne an Silvester. Lady ist wie immer mit im Büro, hier ist es ruhiger als zu Hause und die anderen Büroschnauzen geben ihr etwas Sicherheit.“ Es ist die Routine, die beruhigt. Das vertraute Stimmengewirr, der Lieblingsplatz hinterm Schreibtisch. Eng in die Ecke gekuschelt liegt Lady auf ihrem Platz und harrt aus, bis der Spuk vorbei ist. Als gegen halb zwei die Böller weniger werden, kann sich die Hündin etwas entspannen und hin und wieder die Augen schließen. Für Sabrina ist an Entspannung noch lange nicht zu denken: Jetzt kehren die Menschen nach Hause zurück, jetzt bemerken sie, dass ihre Vierbeiner entlaufen sind. Jetzt, wo es ruhiger wird, trauen sich entlaufene Hunde aus ihren Verstecken hervor.

Und dann kommt dieser Anruf: „Unser Hund ist um Mitternacht entlaufen. Sie ist Richtung Autobahn gerannt.“ Schlucken. Erinnern. Sabrina öffnet sofort die Meldung, die sie vorhin aufgenommen hat. Ihre Miene verrät Besorgnis. „Könnten Sie Ihren Hund beschreiben“, bittet sie die Anruferin. Erneutes Schlucken. Die Beschreibung stimmt exakt mit der Meldung überein, die vorhin eingegangen ist. Auch die Ortsangaben passen. Nun ist Feingefühl gefragt. „Wir haben gegen kurz nach zwölf eine Meldung erhalten“, beginnt Sabrina. „Eine Frau meldete einen Hund auf der Autobahn …“ Sie fährt mit der Beschreibung des gesichteten Hundes fort, gibt die Ortsangaben weiter, prüft parallel online, wie weit die Sichtung vom Ort des Entlaufens entfernt ist. Die Halterin kann es nicht glauben. Mehrere Kilometer liegen zwischen den beiden Orten. Soweit kann ihr Hund in so kurzer Zeit nicht gelaufen sein. Doch für einen sportlichen Hund in blinder Panik wäre das durchaus zu schaffen, berüchtet Sabrina, die schon ersprechende Erfahrungen gemacht hat. Sie rät der verzweifelten Hundehalterin behutsam, sich mit der Autobahnpolizei in Verbindung zu setzen, nimmt die Vermisstenmeldung auf, versucht, Mut und Kraft zu spenden und erstellt im Anschluss sofort das entsprechende Suchplakat. Dann bleibt erneut nur Hoffen. Hoffen, dass die Hündin die Autobahn unbeschadet verlassen hat. Hoffen, dass kein Anruf eingeht, der über einen verletzten oder gar toten Hund auf der Autobahn informiert.

Sabrina und Lady © TASSO e.V.
Feierabend: Für Sabrina und Lady geht es nun nach Hause.

Ein Job mit Herz

Dieser Job verlangt neben guter Organisation und Tierliebe Feingefühl und Herz. Diejenigen, die ihr Tier vermissen, sind oft sehr aufgeregt und in riesengroßer Sorge. Sie zu beruhigen, die Tränen zu trocknen und Such-Tipps zu geben, ist dann die wichtigste Aufgabe der TASSO-Mitarbeiter. Wer hier eine Weile zuhört, erkennt: Sie sind mit dem Herzen dabei und fiebern bei jeder Verlust- und Fundmeldung mit. Sie finden die richtigen Worte und stellen sich schnell auf die Anrufer ein.

Zum Glück gibt es auch viele gute Nachrichten. Diejenigen, die nun ein Tier gefunden haben, sind oft gelassen. Sie kümmern sich gerne. Ob ein zugelaufener Kangal oder ein verängstigter kleiner Mischling, Hilfsbereitschaft und Tierliebe sind groß in dieser Nacht. „Der Hund ist total verängstigt, das Tierheim hat geschlossen und die Polizei könnte ihn dort in eine Box bringen“, erzählt ein Anrufer. „Das bringe ich aber nicht übers Herz. Er ist so verschreckt und versucht, sich in uns hinein zu kuscheln“, beschreibt er. Es ist klar: Der Hund bleibt erstmal. Bis der Halter erreicht wurde. Doch das ist leider oft gar nicht so einfach.

Immer wieder sind Telefonnummern, die Sabrina in dieser Nacht anruft, nicht mehr aktuell oder niemand geht dran. Sie unternimmt unzählige Anrufversuche, hinterlässt immer wieder Nachrichten auf Anrufbeantwortern, bittet um Rückruf, schickt SMS und E-Mails an hinterlegte Adressen. „Leider haben wir oft das Problem, dass die bei uns hinterlegten gespeicherten Daten nicht mehr aktuell sind“, bedauert sie. „Es ist wirklich wichtig, dass man Änderungen bei TASSO meldet, sonst dauert es im Ernstfall unnötig lange. Gerade heute ist es doch so wichtig, dass die verängstigten Tiere so schnell wieder möglich wieder zu ihren Menschen kommen.“

320 vermisste Tiere bis zum frühen Neujahrsmorgen

Wenn Sabrina am frühen Morgen des Neujahrstagstages Feierabend macht, werden etwa 320 Tiere bei TASSO vermisst gemeldet sein. In mehr als einem Dutzend Fällen wird sie Vermisstenmeldungen entgegengenommen haben, mehr als ein Dutzend Mal wird sie beruhigt, Hoffnung geschenkt, Tipps für die Suche gegeben haben. In einer ähnlichen Größenordnung bewegen sich die Fundmeldungen. Die Menschen schauen nicht weg. Sie helfen umherirrenden Tieren und melden diese. Oft geht es dann ganz schnell. Wenige Minuten nach dem Entlaufen kann Sabrina einen kleinen Hund wieder mit seinem Haltern zusammenbringen. Er war direkt jemandem zugelaufen, der richtig reagierte, sofort bei TASSO anrief und die Kennnummer auf der Plakette durchgab.

Es ist eine ganz spezielle Art, auf die Sabrina und ihre Kollegen hier den Jahreswechsel verbringen. Zwar sind sie Nachtschichten gewöhnt, da TASSO jeden Tag und jede Nacht im Jahr erreichbar ist, doch heute wurde die Besetzung im Vergleich zu sonst deutlich aufgestockt. Auch sind viele Bürohunde dabei, um ihnen den Lärm zu Hause zu ersparen. Mit alkoholfreiem Sekt, Süßigkeiten, Chips, Luftschlangen und Partyhütchen wird der TASSO-Jahreswechsel trotz viel Arbeit auf seine Weise festlich zelebriert. Das Zeitfenster für ein kurzes Anstoßen und schnelle Neujahrswünsche ist zwar auf wenige Sekunden begrenzt, doch jeder der Mitarbeiter weiß, wie wichtig es ist, heute hier zu sein. „Vor fast genau zwei Jahren habe ich einen Artikel bei TASSO gelesen, in dem von der Silvesternacht in der Notrufzentrale berichtet wurde“, erzählt Sabrina. „Von der Stimmung, die hier herrscht und von der Bedeutung, die diese Arbeit für Mensch und Tier hat. Da wurde mir klar: Dort will ich auch arbeiten.“

Besser kann man schließlich nicht ins neue Jahr starten, findet Sabrina. Und dennoch: Jetzt, um kurz nach vier am Morgen, nach einer langen und wortreichen Schicht mit vielen Höhen und Tiefen, freut sie sich vor allem auf eines: Nach Hause kommen und ganz gemütlich mit Lady auf dem Sofa für sich selbst noch einmal auf das neue Jahr anstoßen. Dass die entlaufene Hündin, die vermeintlich auf der Autobahn gesehen wurde, im Laufe des Tages wieder unversehrt zu ihrer Familie zurückehrt, wird sie erst einmal nicht mitbekommen. Diese Erfolgsmeldung wird von einem anderen Kollegen aufgenommen, während Sabrina und Lady ihren wohlverdienten ersten Feierabend des Jahres genießen.

780.443 „Gefällt mir“-Angaben

Danke für die vielen Likes!

TASSO-Videos

Alles zu den Aufgaben von TASSO in Bildern

Newsletter

Bleiben Sie immer auf dem Laufenden!