© Sarah Schunke
Am 15. März letzten Jahres ist unser Kater Sheldon verschwunden. Ich weiß das noch genau, weil ich krank im Bett lag. Mittags lag er noch bei mir und hat gekuschelt – dann ging er raus und kam abends nicht mehr zurück. Für einen Freigänger ist das erstmal nichts Ungewöhnliches. Ein, zwei Tage weg – das kommt vor. Aber aus Tagen wurden Wochen. Und aus Wochen wurden Monate.
Wir haben alles versucht: Suchplakate aufgehängt, Flyer verteilt, abends gerufen, gesucht und gehofft. Aber niemand hat ihn gesehen. Wir dachten, wenn er heimkommen kann, würde er es tun – aber man gibt ja nicht sofort auf. Irgendwann kommen die Gedanken, die man nicht denken will. Wir leben auf dem Land – Tiere werden überfahren oder vom Fuchs geholt. Oder sie verschwinden einfach. Nach etwa einem halben Jahr haben wir aufgehört, aktiv zu suchen. Unsere Tochter hatte ihre eigene Erklärung: Sheldon habe gegen einen Fuchs gekämpft – und verloren. Aber wenigstens sei der Fuchs satt geworden. Für sie war das ein Trost. Und irgendwie auch für uns.
Also trafen wir eine Entscheidung: Wir nahmen einen Seniorkater aus dem Tierheim auf, damit er seinen Lebensabend bei uns verbringen kann. Und dann kam dieser Mittwoch. Der 15. April. Ich war auf der Arbeit, als mein Handy klingelte. TASSO. In dem Moment denkt man sofort, mit den anderen Katzen ist etwas passiert. Aber dann sagte die Dame: „Ihr Kater wurde gefunden.“ Mein erster Gedanke: tot. Doch dann: „Es geht ihm gut.“ Ich konnte es kaum glauben.
Die Tierärztin erzählte mir, dass Sheldon vor vier, fünf Monaten im Industriegebiet in Teningen einer Firma zugelaufen war – über 25 Kilometer entfernt. Dort freundete er sich mit einer Seniorkatze an, wurde immer zutraulicher und ließ sich schließlich ins Haus locken. Ein erster Einfangversuch scheiterte, doch später gelang es – und sie brachten ihn zum Tierarzt. Zum Glück. Denn dort wurde sein Chip ausgelesen. Um 9 Uhr kam der Anruf. Um 12 Uhr hatte ich unseren Sheldon wieder im Arm. Ein unglaublich emotionaler Moment. Nach 13 Monaten.
Und plötzlich waren wir zu dritt – eigentlich zu sechst: drei Katzen im Seniorenalter und wir. Die Vergesellschaftung läuft erstaunlich gut, auch wenn es eine neue Situation ist. Wir bleiben vorsichtig optimistisch. Was bleibt, ist tiefe Dankbarkeit. Für die Menschen, die hingesehen haben. Für den Chip. Und dafür, dass manchmal Dinge passieren, mit denen man nicht mehr rechnet.