Zwischen Konzentration und Feingefühl

TASSO-Fortbildungsveranstaltung für Tierheimmitarbeiter

Die Bewegungen sind kaum wahrzunehmen. Nur millimeterweise streichen die Fingerspitzen von Tierpflegerin Angelina Bernick zaghaft durch das helle Fell der jungen Hündin, die angespannt vor ihr steht. Es herrscht Stille an diesem sonnigen Augustvormittag im Tierheim Viernheim. Etwa 20 Augenpaare sind gebannt auf die Szene gerichtet. Fast scheint es als halten alle Zuschauer den Atem an. Jede Sekunde kann die ruhige Situation kippen. Nadua hat heute schon einige Male gezeigt, dass es eine richtige Entscheidung war, ihr einen Maulkorb anzulegen.

Im Tierheim Viernheim findet heute der letzte Block des von TASSO für Tierheimtierpfleger veranstalteten Fachqualifizierungslehrgangs „Aggression“ statt. Geleitet wird der insgesamt 12 Tage umfassende Lehrgang von Perdita Lübbe-Scheuermann und ihrem Team von der gleichnamigen Hunde-Akademie. Die namhafte Hundetrainerin ist Expertin im Umgang mit aggressiven Hunden.

Gerade steht eine „Bestandsaufnahme“ auf dem Programm. Es geht darum, eine neue Hündin einzuschätzen und ihr Verhalten zu beurteilen. Das gehört dazu, um zu wissen, wie man am besten mit ihr arbeiten kann, erklärt Perdita Lübbe. Auch für die Vermittlungsprofile der Tierheimtiere ist diese Einschätzung ein sehr wichtiger Schritt. Schließlich sollen sie ja die passende Familie finden können. Es wird geprüft, wie die Hündin auf eine unsichere Begrüßung reagiert, wie sie es findet, wenn Jogger an ihr vorbeirennen, wie sie auf Menschenmengen und torkelnde Fußgänger reagiert und wie ausgeprägt ihr Beutefangverhalten ist. Nadua macht gut mit, blickt immer wieder zu Tierpflegerin Alisa, knurrt nicht, bellt nicht, nach außen hin ist sie ruhig. „Oh, da ist einiges zu sehen, bei der Maus“, murmelt hingegen Perdita Lübbe leise. Dass sie damit Recht hat, zeigt sich wenige Minuten später auch für Laien deutlich. Kaum versucht Naduas Pflegerin vom Tierheim Viernheim, die Hündin an der Seite zu berühren, verliert diese die Nerven. Ohne Maulkorb wäre diese Szene nicht glimpflich ausgegangen.

„Sie ist selbstdarstellerisch.“ „Sie lässt den Menschen zu ihren Bedingungen an sich herankommen.“ „Sie hat Tendenzen zum Beutefang.“ „Sie ist ausdauernd im Erreichen ihrer Ziele“ „Sie nutzt Aggression zum Selbstschutz“, zählen die Tierpflegerinnen ihre Beobachtungen auf die Frage von Perdita Lübbe auf. Die Expertin stimmt ihnen zu. „Da stimmt etwas nicht“, diagnostiziert sie. „Sie ist sehr sensibel und dem Menschen gegenüber argwöhnisch. Aber in den nächsten Wochen soll sie jetzt erstmal wieder ihren Glanz in den Augen zurückerhalten. Danach gehen wir ins Training“, beschließt sie. Deswegen darf Nadua nun auch Pause machen, während ihre tierischen Kollegen Motte, Michel aus Lönneberga und Seelefant übernehmen und in weiteren Szenen verdeutlichen, worauf es bei der Arbeit mit aggressiven Hunden ankommt.

In dieser Woche findet bereits der letzte von drei Blöcken statt, die Teilnehmer sind also bereits tief im Thema. In der Zeit zwischen den Fortbildungsterminen konnten sie ihr neues Wissen im Alltag einsetzen und an ihre Kollegen weitergeben. Auch die kleinen Dinge haben sich schon als sehr nützlich erwiesen, berichten die Teilnehmer in einer kurzen Pause. Das kann auch „nur“ das richtige Aufsetzen des Maulkorbs sein, denn der ist für das Training und für die Sicherheit der Tierheimmitarbeiter manchmal unerlässlich. Warum die Fortbildung für sie so interessant ist? „Na, weil wir den Hunden im Tierheim mehr Lebensqualität bieten möchten“, lautet die spontane Antwort einer Teilnehmerin. Die anderen unterstreichen das mit deutlichem Nicken. Schließlich soll es ihren Schützlingen gut gehen, sie sollen die Gelegenheit zur Weiterentwicklung haben und schließlich ein liebevolles Zuhause finden können.

Die Fortbildung im Tierheim Viernheim besteht aus Zuhören, Mitmachen, Beobachten und Analysieren. Vieles wird auf Video festgehalten, um später noch einmal gründlich betrachtet zu werden. Es kommt auf die Feinheiten an, so viel ist klar. Da muss man auch mal aushalten und ausharren können, so wie Angelika Bernick vorhin, als sie ruhig dasaß, Nadua kraulte und sachte prüfte, ob die Hündin sich nach einer unangenehmen Situation auch wieder entspannen kann.

Der richtige Umgang mit aggressiven Hunden muss gelernt sein. Je besser Tierheimmitarbeiter wissen, wie sie mit Aggressionen umgehen können und Lösungswege kennen, desto besser können sie die Hunde einschätzen. So erhöht sich die Chance darauf, dass die Tierschutz-Vierbeiner ein Zuhause finden, das wirklich zu ihnen passt. Und das sollte schließlich das Ziel sein. Denn eines darf auch bei aggressiven Hunden nicht vergessen werden, sagt Perdita Lübbe ihrer Gruppe: „Bis zur Vermittlung sind sie alle unsere Schutzbefohlenen und wir sind für ihr Wohlergehen verantwortlich. Das bedeutet auch, dass wir ihnen ihr Leben im Tierheim so angenehm wie möglich gestalten möchten!“

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