© KI generiert
Qualzucht verursacht vermeidbares Leid: Bestimmte Zuchtmerkmale können Heimtiere dauerhaft krank machen.
Trotz der zunehmenden Sichtbarkeit von Anti-Qualzuchtkampagnen und Aufklärung, z. B. durch Tierschutzorganisationen und Tierärzt:innen, ist die Nachfrage nach bestimmten Tierrassen so groß wie nie. Rassen, die unter den Folgen gezielter Zucht unmittelbar leiden, sind international beliebt – und das trotz sichtbarer Qualzuchtmerkmale. Doch wieso gibt es so viele Tiere, die von Qualzucht betroffen sind, wenn das Aussehen einen so starken Einfluss auf die Gesundheit der Tiere haben kann?
Nachfrage, Trends und gesellschaftliche Normalisierung
Ein Blick auf die Ursachen zeigt: Der Wunsch nach tierischer Begleitung ist heutzutage sehr groß. Vor allem in herausfordernden Zeiten, wie z. B. der Covid-Pandemie stieg die Nachfrage nach einem Heimtier immens an. Viele Menschen wollen jedoch nicht irgendein Tier, sondern haben ganz bestimmte Wünsche und Vorstellungen. Dabei spielt nicht nur der Charakter des Tieres eine Rolle, sondern vor allem eine bestimmte Größe, Fellfarbe, Körper- oder Kopfform. Gefragt sind Mini-Varianten und extravagante Fellfarben. So entscheiden Tierhalter:innen mit ihrer Nachfrage aktiv mit, welche Rassen gezüchtet werden und wie die Tiere von morgen aussehen. Außerdem nehmen Menschen das, was sie täglich sehen, als „normal“ wahr. So trägt auch die Werbebranche massiv zur Verharmlosung von Qualzucht bei und fördert die Nachfrage. Werbung, Social Media, Promis, Influencer und Co. prägen, was als „normal“ und „begehrenswert“ empfunden wird. Viele Menschen übernehmen diese Trends und wünschen sich Tiere, die kameratauglich und social-media geeignet sind und den Vorbildern im Internet ähneln. Unsere Erwartungen an Heimtiere haben sich im Laufe der Zeit mit Trends und Medien also verändert. Heute legen viele Menschen Wert auf andere (Schönheits-)Merkmale und Eigenschaften als früher, als Tiere vor allem aus praktischen Gründen gehalten wurden. Dadurch gewann die Zucht bestimmter äußerer Merkmale zunehmend an Bedeutung, wodurch Qualzucht erst nach und nach entstanden ist.
Historische Entwicklung der Zucht
Wie genau ist Qualzucht entstanden? Rassestandards wurden von uns Menschen festgelegt und sind teilweise schon hunderte von Jahren alt. Um die selektive Züchtung von Tieren zu verstehen, müssen wir in die Vergangenheit springen. Anhand der Geschichte von Hunden lässt sich der Wandel nachvollziehen. Denn vor ca. 15.000 Jahren wurden Wölfe domestiziert und entwickelten sich zum menschlichen Begleiter. Als vor 12.000 Jahren die Menschen sesshaft wurden, wurden Hunde höchstwahrscheinlich noch als Nutztiere gehalten. Eine aktive Zucht von Rassehunden gab es damals noch nicht. Erst nach und nach wurden gezielt Hunde miteinander verpaart und nach nützlichen Eigenschaften selektiert. Im 19. Jahrhundert setzten Menschen dann vermehrt auf Inzucht, um gewünschte, oft ästhetische Merkmale zu festigen. An langfristige gesundheitliche Folgen wurde damals jedoch kaum gedacht.
Inzucht, Genpool, Erbkrankheiten
Das Ergebnis: Der genetische Pool, also die genetische Vielfalt der Hunde, verkleinerte sich mit der Selektion auf bestimmte Rassenmerkmale enorm. Heutzutage ist der Genpool bei einigen Rassen so gering, als hätte man für mehrere Generationen in Folge Geschwister miteinander verpaart. Aufgrund des kleinen Genpools vieler Rassen wurden nicht nur dieselben äußerlichen Merkmale, sondern auch zahlreiche Krankheiten weitervererbt. So sind heute bei Rassehunden mehr als 500 genetisch bedingte Krankheiten bekannt. Manche sind dabei auf die speziellen Zuchtanforderungen zurückzuführen (z. B. Atemprobleme durch Kurzköpfigkeit und flache Schnauze). Viele Erkrankungen sind aber einfach „Nebeneffekte“, die auf den zu kleinen Genpool der Elterntiere zurückzuführen sind. Diese Nebeneffekte sind dabei nicht gleich sichtbar (z. B. Risiko für Herzerkrankungen, Taubheit, Krebserkrankungen). Qualzuchtmerkmale betreffen aber nicht nur reinrassige Tiere. Auch Mischlinge, deren Vorfahren Qualzuchtmerkmale tragen, können diese Eigenschaften erben – mit all den damit verbundenen gesundheitlichen Problemen und dem daraus resultierenden Leid.
Warum Qualzucht rechtlich schwer zu greifen ist
Ist Qualzucht nicht verboten? Eigentlich ja. Nach dem Tierschutzgesetz darf niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. § 11b des Tierschutzgesetzes verbietet zudem die Zucht, wenn vererbte Merkmale zu Schmerzen, Leiden oder Schäden führen. Doch die Auslegung von Gesetzen ist oft schwierig, und in der Praxis werden sie nicht immer konsequent umgesetzt. Das rechtliche Problem ist daher vielfältig:
- Begriffe wie „Leiden“ oder „Schäden“ sind dehnbare Begriffe, die unterschiedlich ausgelegt werden: Der Begriff „Leiden“ umfasst nicht nur Tierleid, das durch Schmerz entsteht und durch Symptome wie zum Beispiel Lahmheit oder Atemnot sichtbar wird. Leid geschieht oft auch unsichtbar und ist dadurch juristisch schwer zu definieren. So kann auch eine gestörte innerartliche Kommunikation, wie sie häufig bei kurzköpfigen Hunden vorkommt, mit Leid einhergehen. Die veränderte Gesichtsform wird von Artgenossen oft missverstanden: Fehlt etwa die „Pufferzone“ einer längeren Schnauze beim Begrüßen, wirken direkte Stirnkontakte und hochgezogene Maulwinkel distanzlos und irritierend. Das kann immer wiederkehrende und durch den Hund selbst nicht beeinflussbare Konflikte mit Artgenossen begünstigen und zu anhaltendem Leid führen, da Sozialkontakt ein Grundbedürfnis für Hunde ist.
- Es fehlen Konkretisierungen und rechtsverbindliche Gutachten: Das Tierschutzgesetz ist nicht konkret genug. Ein neuer Gesetzesentwurf von 2024 sollte Qualzuchtmerkmale konkreter definieren und Werbeverbote einführen. Nachdem sich die Regierung aufgelöst hat, wurde er jedoch fallen gelassen.
- Tier-Ausstellungen und Zuchtverbände fordern zu selten medizinische Nachweise, dass das Tier gesund ist: Für die Feststellung von bestimmten gesundheitlichen Zuchtfolgen wie Herzerkrankungen oder der Chiari-Malformation des Schädels braucht es kostspielige Diagnostik wie MRT oder Herzultraschall. Diese müssten auf Tier-Ausstellungen konsequent gefordert werden.
Theoretisch ist das Züchten von Tieren mit Qualzuchtmerkmalen also verboten. Praktisch wurden in Deutschland bislang jedoch nur sehr vereinzelt Zuchtstätten aufgrund von Qualzucht geschlossen. Das Ganze führt zu kontroversen Diskussionen und Unsicherheiten bei Tierhalter:innen, Zuchtverbänden, Tierärzt:innen, und Politiker:innen.
Gut zu wissen: Rassestandards und Zuchtordnungen von Vereinen und Verbänden sind rechtlich nicht bindend. Rechtlich bindend für alle Zuchtvereine und Verbände ist hingegen das Tierschutzgesetz.
Warum Aufklärung alleine nicht reicht
Qualzucht bleibt trotz Aufklärung weit verbreitet, weil mehrere Faktoren zusammenwirken: eine hohe Nachfrage nach bestimmten Merkmalen, Trends durch (soziale) Medien und Werbung sowie historisch gewachsene Rassestandards. Zusätzlich verschärfen die Zucht und ein kleiner Genpool bei vielen Rassen das Risiko für Erbkrankheiten, deren Folgen nicht immer sofort sichtbar sind, aber ebenso dauerhaftes Leid verursachen können. Aufklärung ist hier enorm wichtig, reicht aber allein nicht aus. Wichtig sind daher klare, durchsetzbare Gesetze, strenge Kontrollen und ein Umdenken bei der Nachfrage: Gesundheit muss bei der Entscheidung für ein Heimtier wichtiger sein als das Aussehen.