Corona-Pandemie: Aktuelle Lage in Rumänien

Interview mit Tierärztin Nina Schöllhorn vom Tierärztepool

Straßenhunde in Rumänien auf der Suche nach etwas Essbarem. © Nina Schöllhorn
Nina Schöllhorn bei einer Kastrationsaktion in Bals.

Wie viele andere europäische Länder, hat auch Rumänien in der Corona-Pandemie stark zu kämpfen. Der Lockdown hindert Ehrenamtliche und Tierschützer daran, ihrer wichtigen Arbeit nachzugehen und den Tieren vor Ort zu helfen. Auch dringende Kastrationsaktionen, die jetzt im Frühjahr so notwendig sind,  können momentan nicht stattfinden.

Wir haben Nina Schöllhorn vom Tierärztepool, die auch im Auftrag von TASSO vor Ort tätig ist, einige Fragen zur aktuellen Lage in Rumänien gestellt. 

TASSO: Wie schätzt du in der aktuellen Corona-Krise die Lage in Rumänien ein?
Nina Schöllhorn: Rumänien kämpft mit denselben Problemen, mit denen sich weltweit alle gerade konfrontiert sehen. Hier herrscht seit Wochen ein strenger Lockdown, der vom Militär kontrolliert wird. Das heißt, man darf nur auf die Straße, um einzukaufen oder einen Arzt aufzusuchen. Die weitreichenden Folgen, die das Ganze hat, sind vergleichbar zu anderen Ländern.

Wer kümmert sich im Moment um die Streuner auf der Straße?
Streuner leben hauptsächlich von diversen Hinterlassenschaften von Menschen. Je weniger Menschen auf der Straße sind, desto weniger Müll etc. finden die Tiere. Tierliebe Menschen, die bisher regelmäßig bestimmte Streuner gefüttert haben, versuchen diese nach wie vor zu füttern. Dafür sind sie allerdings gezwungen, das Gesetz zu missachten.

Befinden sich die Streuner in großer Gefahr?
Rumäniens Straßenhunde befinden sich immer in Gefahr. Stets drohen sie Opfer von Einfangaktionen zu werden. Aktuell kommt jetzt noch hinzu, dass die Versorgungslage auf der Straße für sie noch schwieriger ist als zuvor.

Können die Tiere in Tierheimen noch ausreichend versorgt werden?
In den meisten Tierheimen ist die Grundversorgung gesichert. Allerdings dürfen nur die angestellten Arbeiter die Tierheime betreten. Für die Öffentlichkeit sind diese gesperrt. Demzufolge können die wichtigen ehrenamtlichen Helfer nicht zu den Tieren. Dies ist ein Problem, da sich diese normalerweise um all das kümmern, was ansonsten liegen bleibt und auch den Kontakt zu den unterstützenden Tierschutzvereinen zum Beispiel in Deutschland herstellen.

Sind auch Tiere in den Tierheimen in Gefahr?
Es gibt städtische Tierheime, die wegen der aktuellen Situation geschlossen haben. In diesen Tierheimen werden die Hunde nach einer bestimmten Frist in der Regel aber ohnehin getötet. Ich denke, dass jetzt leider mehr Tiere schneller getötet werden. Es gibt weniger Adoptionen und das Geld wird noch knapper als es ohnehin schon war. Da sind Tötungen immer die einfache Lösung.

Warum trifft es gerade Rumänien so schlimm?
Es trifft alle Länder schlimm. In Rumänien war die Ausgangslage halt besonders schlecht. Die Menschen waren schon vor der Krise sehr arm und die Wirtschaft lag am Boden. Dies wird sich nun noch dramatisch verschlechtern. Wenn es den Menschen selbst an Überlebensnotwendigem mangelt, dann bleibt verständlicher Weise für die Tiere nichts mehr übrig.

Wie können die Tiere versorgt werden, wenn viele Futtertransporte nicht möglich sind?
Futtertransporte sind wieder möglich. Dies stellte nur in den ersten Wochen ein Problem dar.

Warum ist das Futter vor Ort überhaupt knapp?
Viele Tierheime vor Ort sind auf regelmäßige Spendentransporte aus dem Ausland angewiesen. Als diese nicht mehr möglich waren, kauften diverse Vereine auf Vorrat, sodass bei einigen Herstellern das Futter ausging.

Welche genauen Regelungen/Verbote hindern euch an eurer Arbeit?
Der Lockdown verhindert alle nicht dringend notwendigen Aktivitäten und Menschenansammlungen. Da Kastrationsaktionen nicht überlebensnotwendig sind, wurden diese auf Eis gelegt.

Was bedeutet es für das „Streunerproblem“, das aktuell keine Kastrationen stattfinden können?
Jede Woche, in der nicht kastriert werden kann, bedeutet mehr ungewollten Nachwuchs auf Rumäniens Straßen. Die Zahl der Straßentiere wird umso mehr ansteigen, je länger die Einschränkungen fortgesetzt werden.

Was können Tierschützer trotz der strengen Regeln gerade vor Ort tun?
Tierschützer, die fest in Tierheimen arbeiten, versuchen den Tierheimbetrieb so gut es geht aufrecht zu erhalten. Tierfreunde versuchen weiter Wege zu finden, um ihre Straßentiere zu füttern. Glücklicherweise sind wieder Transporte von Hunden nach Deutschland möglich. Dies stellt eine große Entlastung für die rumänischen Tierheime dar. Ohne die Entlastungen stünden diese in kürzester Zeit vor dem Kollaps.

Welche neuen Regelungen/Lockerungen können die Situation trotz Corona etwas entspannen?
Sobald der Lockdown fallen würde, könnte sich die Lage wieder etwas entspannen. Jeder Schritt zurück zu einem normalen Alltag würde den Tieren zu Gute kommen. Jedes bisschen mehr Freiheit, dass die Menschen zurückbekommen würden, würde es ihnen wieder einfacher möglich machen, den Tieren zu helfen. Ich würde mir wünschen, dass wir unter verschärften Sicherheitsbedingungen weiter kastrieren können. Tiere könnten vorne am Tor abgegeben und nach der entsprechenden Zeit dort wieder abgeholt werden. Es wäre möglich, die Abläufe so zu organisieren, dass Menschenkontakt weitgehend vermieden werden kann.

Wie können Tierfreunde vor Ort oder auch hier aus Deutschland helfen?
Die Tiere sind mehr denn je auf Hilfe angewiesen in dieser schwierigen Zeit. Drohende Spendeneinbrüche bereiten uns allen Kopfzerbrechen. Ohne Spenden kann unsere Arbeit nicht fortgesetzt werden. Zusätzlich ist jeder Hund aus Rumänien, der in Deutschland ein Zuhause findet, natürlich eine Entlastung für die Situation hier vor Ort. Tierfreunde können sich auch als Pflegestelle anbieten oder Spendentransporte unterstützen.

Wie versuchst du aktuell zu helfen?
Auch ich bin massiv in meiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt und somit sind mir die Hände weitestgehend gebunden. Ich bin weiterhin für Notfälle da, versorge einige Tiere bei mir am Haus und in der Nähe. Ich versuche, Plätze für Hunde in Deutschland zu finden und bin weiterhin an Rettungsaktionen aus Tötungen beteiligt, soweit das momentan geht.

Was befürchtest du, wenn die Situation noch einige Wochen so anhält?
Je länger wir nicht kastrieren können, desto mehr wird die Zahl der Straßentiere ansteigen. Je länger die Situation anhält, desto mehr wird die wirtschaftliche Krise die Menschen treffen, desto schlechter wird die Versorgung der Tiere sein und desto mehr werden Tiere ausgesetzt. Je schlechter es den Menschen geht, desto schlechter geht es den Tieren. Alles hängt zusammen.

Was bedeutet die Krise für die Adoptionen im Land, können sie eigentlich noch stattfinden?
Aktuell finden keine Adoptionen im Land statt, da die Tierheime für die Öffentlichkeit gesperrt sind.

Wird es nach der Corona-Krise eine Transport-Flut der Tiere nach Deutschland geben?
Zum Glück finden weiterhin regelmäßig Transporte nach Deutschland statt, sodass aus Rumänien nicht mit einer extremen Steigerung zu rechnen ist. In anderen Ländern sieht die Situation problematischer aus.

Liebe Nina, vielen Dank für das Interview und weiterhin gutes Durchhalten. 

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TASSO-Projekte in Rumänien


© TASSO e.V.

TASSO hilft in Bals

Gemeinsam mit Tierärztin Nina Schöllhorn vom Tierärtzepool werden regelmäßig Kastrationsaktionen in Bals durchgeführt.

© TASSO e.V.

TASSO im Donau-Delta

Gemeinsam mit dem rumänischen Partnerverein READC engagiert sich TASSO gegen das Elend der Streunertiere im Donau-Delta.

© TASSO e.V.

Projekt in Targu Mures

Durch die Zusammenarbeit von TASSO und dem Tierheim in Targu Mures, werden vor Ort keine Hunde mehr getötet.

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