Interview mit Elli H. Radinger

Zu ihrem neuen Buch „Die Weisheit alter Hunde“

© Corina Cornilsen
Elli Radinger mit ihrer Hündin auf Wolfssuche in Mecklenburg-Vorpommern.

Die Wolfs- und Hundeexpertin Elli H. Radinger wuchs mit Hunden auf und hatte schon immer eine ganz besondere Beziehung zu ihren Vierbeinern. Nach fünf Jahren als praktizierende Rechtsexpertin entschloss sie sich, sich ganz ihren beiden Leidenschaften zu widmen: Der Wolfsforschung und dem Schreiben. Seit 1990 gibt sie das Wolf Magazin heraus, die einzige deutschsprachige Fachzeitschrift über Wölfe und andere wilde Kaniden. Elli H. Radinger hat viel Zeit im amerikanischen Yellowstone-Nationalpark verbracht, um wilde Wölfe zu beobachten. Um ihre 13 Jahre alte Hündin voll und ganz durch die letzten Jahre ihres Leben begleiten zu können, hat die Autorin ihre Forschungsreisen jedoch vorübergehend eingestellt. Ihre Erfahrungen über das Leben mit alten Hunden möchte sie in ihrem neuen Buch „Die Weisheit alter Hunde“, das auf der Frankufter Buchmesse 2018 vorgestellt wird, mit anderen Hundehaltern teilen. TASSO durfte Elli H. Radinger dazu interviewen.

Frau Radinger, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns nehmen. Ihr neues Buch „Die Weisheit alter Hunde“ handelt vom Älterwerden unserer vierbeinigen Weggefährten. Warum haben Sie sich ausgerechnet diesem Thema gewidmet?

Elli H. Radinger: Ich habe mit diesem Buch bewusst keinen Ratgeber geschrieben, davon gibt es genug. Ich wollte einen neuen Ansatz, indem ich meine persönliche Erfahrung über das Leben mit alten Hunden schildere. In meinem Newsletter Wolf & Hund habe ich die Leser und Besitzer alter Hunde gebeten, mir ihre Geschichten zu erzählen, und ich war berührt, wie innig und liebevoll die Beziehung von Menschen zu ihren Hundesenioren ist. Gerade unsere vierbeinigen Golden Ager haben – ebenso wie alte Menschen – viel erlebt und verfügen über einen großen Schatz an Wissen und Erfahrung. Sie können uns so unendlich viel beibringen, wenn wir unsere Augen und unsere Herzen für sie öffnen.

Ihre Labradorhündin Shira ist die Hauptprotagonistin Ihres Buches. Wann ist Ihnen zum ersten Mal bewusst geworden, dass auch Shira älter geworden ist?

Es geschah Stück für Stück, ohne dass ich es zunächst bewusst wahrgenommen hatte. Dann, eines Tages auf unserem Spaziergang, flitzte ein Eichhörnchen vor ihrer Nase vorbei und Shira rannte ihm nicht nach, so wie sie es sonst immer tat, sondern beobachtete es nur, wie es den Baum hochkletterte. Ich blickte meine Hündin an und bemerkte zum ersten Mal ihre grauen Haare um die Schnauze und ihre trüben Augen und erschrak. Zu Hause sah ich mir das Fotoalbum mit ihren Babybildern an und fragte mich: Was ist passiert? Wo auf dem Weg zwischen Welpe, Junghund und erwachsenem Hund hab ich sie verloren? Warum hab ich nicht gemerkt, dass sie älter wurde? Ich denke, vielen erwachsenen Eltern von Teenagern geht es ebenso.

Was ist denn aus Ihrer Sicht das Wichtigste beim Zusammenleben mit älteren Vierbeinern?

Dass wir uns auf sie einstellen. Auf ihre Macken, Gebrechen und Eigenheiten. Auf ihren Starrsinn und ihre Schwächen. Dass wir für sie mutig sind und besonders dann für sie da sind, wenn wir am liebsten ganz weit weglaufen wollen – am Ende ihres Lebens. Heute, wo ich selbst älter bin (ich bin 67), bin ich davon überzeugt, dass ich mich erst jetzt richtig in Shira hineinfühlen kann. Ich weiß, wie das ist, wenn ihr die Gelenke beim Aufstehen wehtun oder wenn sie, statt mit mir Joggen zu gehen, einfach nur einmal eine Weile in der Sonne liegen möchte. Ich verstehe, wenn sie nicht mehr ständig mit anderen Hunden „spielen“ will, weil sie stürmische Jungschnösel manchmal nerven. Jüngere Hundehalter sollten sich das bewusst machen und ein wenig mehr Verständnis für die Opas und Omas in ihrem Leben haben.

Sie schreiben über unsere vierbeinigen Begleiter, dass der „Umgang mit dem Ende des Lebens ihr größtes Geschenk für uns ist.“ Was genau meinen Sie damit?

Wenn wir erleben, dass ein geliebtes Lebewesen, das uns über viele Jahre begleitet hat, älter wird und seine Reise zum Tod beginnt, dann lernen wir, mit Veränderungen umzugehen, das Unvermeidbare zu akzeptieren und jeden Moment bewusst zu leben, selbst wenn es der letzte ist. Um ein erfülltes Leben führen zu können, müssen wir die Angst überwinden, jemanden zu verlieren. Das größte Geschenk für mich ist, dass mir Shira die Endlichkeit unser beider Leben bewusst macht und mich so dazu bringt, jeden Augenblick unseres Lebens zu genießen.

Altern Hunde denn so viel anders als wir Menschen?

Im Grunde altern Hunde ebenso wie Menschen – wenn auch im Zeitraffer. Die Lebenserwartung unserer Vierbeiner ist in den letzten Jahren durch bessere Ernährung und tiermedizinische Versorgung deutlich gestiegen. Und wie wir altern auch Hunde vorschnell durch falsche Ernährung, Übergewicht, mangelnde Bewegung und zu wenig geistiger Herausforderung. Wir sollten uns also bei den Zwei- und Vierbeinern auf die Qualität unserer Lebenszeit konzentrieren, nicht die Quantität.

In Ihrem Buch ziehen Sie viele Parallelen zwischen dem Leben von Hunden und Menschen. Was können wir Menschen von unseren tierischen Freunden lernen? Und ganz besonders beim Älterwerden?

Als Antwort würde ich gerne die Überschriften von einigen Buchkapiteln zitieren, die bereits alles ausdrücken: Alter ist eine Frage der Einstellung. Bereue nichts. Erkenne, was wirklich zählt. Du musst nicht perfekt sein. Dinge sind unwichtig. Nimm jeden Tag als Geschenk. Überwinde deine Angst. Lass los, was du nicht festhalten kannst. Liebe hört nie auf. Das Leben geht weiter.

Ältere Tiere haben andere Bedürfnisse als Junghunde. Was hat sich für Sie und Shira im Laufe des Älterwerdens genau verändert?

Nun, was die Praxis beim Leben mit einem alten Hund angeht, so kann es anstrengend und teuer werden. Er braucht vielleicht eine spezielle Ernährung, Medikamente, besondere medizinische Versorgung. Shira bekommt regelmäßig Physiotherapie und schläft auf orthopädischen Hundebetten. Sie ist deutlich langsamer unterwegs als früher, unsere Gassirunden werden kürzer. Ich überlege mir nun die Anschaffung eines Hundebuggys, damit ich mit ihr wieder längere Wanderungen gemeinsam unternehmen kann. Shira ist im Alter taub geworden, ich kommuniziere jetzt in Zeichensprache mit ihr – übrigens etwas, was man schon einem jungen Hund beibringen sollte. Was die Psyche angeht, so sind wir beide deutlich entspannter geworden – auch, was die Erziehung angeht. Shira hat alles, was sie brauchte, in den ersten Jahren gelernt. Jetzt können wir uns beide auf unseren Lorbeeren ausruhen und müssen nicht mehr alles so ernst nehmen. Erst kürzlich hat sie zum ersten Mal in ihrem langen Leben eine Wurst vom Tisch gestohlen – und ich habe mich gefreut.

Sie haben für Shira sogar vorübergehend ihre Wolfsforschungen in den USA auf Eis gelegt. Warum?

In den vielen Jahren meiner Wolfsforschung war ich mehrmals jährlich in den USA. Shira war in dieser Zeit stets in der Obhut meiner Eltern – ihre Art von „Wellnessurlaub“. Aber meine Eltern sind mit den Jahren auch älter geworden und die Zeit mit Shira wird für mich immer kostbarer. Meine Prioritäten haben sich verschoben. Die Wölfe werden auch in ein paar Jahren noch da sein. Aber für mich gibt es nichts Wichtigeres als meine Hündin. Ich will bei ihr sein, wenn sie einmal stirbt und nicht 10.000 km entfernt. Shira ist meine Familie und die geht vor. Auch das habe ich von den Wölfen gelernt.

Häufig werden ältere Tiere im Tierheim abgegeben, weil sie nicht mehr zur Lebensphilosophie des Halters passen. Sie sind nicht mehr schnell genug, nicht mehr aktiv genug, man muss zu viel Rücksicht nehmen. Warum lohnt es sich aus Ihrer Sicht, gerade ein älteres Tier bei sich aufzunehmen?

Ich werde niemals verstehen, wie man einen alten Hund, mit dem man jahrelang zusammengelebt hat, aus den oben genannten Gründen abgibt. Es gibt so viele wunderbare Hundesenioren in Tierheimen, die es nicht verdient haben, im Alter allein zu sein. Sicher sind sie nicht mehr so aktiv und vielleicht stehen auch Tierarztkosten an. Aber gerade diese Hunde gehen mit ihren Menschen eine innige und tiefe Beziehung ein. Sie sind durch ein tiefes Tal gegangen und haben die Hoffnung auf eine neue Familie aufgegeben. Wenn sie adoptiert werden, nutzen sie ihre Chance und tun alles für ihre Menschen. Tierheimsenioren sind liebevolle, stille und ruhige Begleiter und somit ein Segen – gerade auch für ältere Menschen.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Radinger!

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