Es tut mir sehr leid, dass Sie Ihren Kater verloren haben. Aus kardiologischer, evidenzbasierter Sicht lässt sich Ihr Verlauf leider gut erklären, auch wenn er sich für Betroffene oft unlogisch und grausam anfühlt. Die hypertrophe Kardiomyopathie der Katze ist eine dynamische Erkrankung. „Anfangsstadium“ beschreibt ausschließlich den strukturellen Befund zum Zeitpunkt der Diagnosestellung, nicht den zukünftigen Verlauf. Katzen können über Monate oder Jahre stabil erscheinen und dann plötzlich dekompensieren. Entscheidend ist nicht allein die Wanddicke des Herzens, sondern die diastolische Funktion, der linksatriale Druck und die individuelle Fähigkeit, Volumen- und Stressbelastungen zu kompensieren. Das Auftreten eines Lungenödems ist ein Wendepunkt in der Erkrankung. Ab diesem Zeitpunkt gilt die HCM als klinisch dekompensiert und die Prognose verschlechtert sich deutlich. Wiederholte Lungenödeme, wie bei Ihrem Kater, sind ein Hinweis auf eine fragile kardiale Situation mit instabiler Druck- und Volumenregulation. Dass diese Episoden nach einer Zahnoperation erstmals auftraten, passt zu dem bekannten Zusammenhang zwischen Stress, Entzündung, Volumenverschiebungen und kardialer Dekompensation, ohne dass dies zwingend einen Behandlungsfehler darstellt. Benazepril (Fortekor) wird bei Katzen mit HCM häufig eingesetzt, obwohl die Studienlage keinen klaren Überlebensvorteil zeigt. Es kann bei einzelnen Patienten hilfreich sein, ist aber kein Schutz vor Lungenödemen. Furosemid ist die zentrale, lebensrettende Therapie beim Lungenödem. Die von Ihnen genannte Dosierung ist bereits hoch und entspricht dem, was bei rezidivierender Herzinsuffizienz eingesetzt wird. Eine weitere Dosiserhöhung hätte das Risiko von schwerer Dehydratation, Nierenversagen, Elektrolytstörungen und Kreislaufkollaps deutlich erhöht, ohne eine stabile langfristige Kontrolle zu garantieren. In solchen Situationen wird nicht selten ein Punkt erreicht, an dem zusätzliche Entwässerung nicht mehr zu einer nachhaltigen Besserung führt. Dass Ihr Kater nach einer Phase relativer Stabilität erneut akut dekompensiert ist, entspricht leider dem typischen Verlauf einer fortgeschrittenen HCM. Diese Verschlechterungen können abrupt auftreten, auch ohne vorherige Warnzeichen. Sie sind Ausdruck des Fortschreitens der Erkrankung und nicht zwingend ein Zeichen unzureichender Therapie. Nach dem aktuellen Stand der kardiologischen Wissenschaft lässt sich sagen: Sie haben alles medizinisch Sinnvolle getan. Eine aggressive Steigerung der Diuretikadosis hätte sehr wahrscheinlich keine Heilung oder stabile Kontrolle bewirkt, sondern das Leiden eher verlängert. Die Entscheidung zur Euthanasie bei therapieresistenter kardialer Dekompensation ist aus tiermedizinischer Sicht ein Akt des Schutzes vor weiterem Leiden. Ihre Trauer und Ihre Fragen sind absolut verständlich. Medizinisch betrachtet spricht der Verlauf nicht gegen Ihre Entscheidungen, sondern für die leider unberechenbare und oft gnadenlose Natur dieser Erkrankung.
Viele Grüße
Janina Rohde