Flutkatastrophe: „Wir mussten sofort das Haus verlassen.“

Erfahrungsbericht von Katzen- und Hundebesitzer Sascha Mylenbusch aus Erftstadt-Blessem

Das Hochwasser hat viele Menschen unerwartet getroffen und viel Leid verursacht. Wir konnten mit Sascha Mylenbusch aus Erfstadt-Blessem über die Flutkatastrophe sprechen, die sich dort am 15. Juli ereignet hat. Er schildert uns die Stunden vor dem Unglück, beschreibt den Moment der Evakuierung und was er seitdem mit seinen 9 Katzen und 2 Hunden erlebt hat. Zudem gibt der Katzenzüchter und Hundehalter hilfreiche Ratschläge, was Tierhalter im Ernstfall beachten sollten und welche Vorkehrungen sie für den Notfall treffen können. 

TASSO: Wie habt ihr die Stunden vor der Evakuierung erlebt? Konntet ihr ahnen, dass sich das Unwetter zu so einer Katastrophe entwickelt?
Sascha Mylenbusch: Am Vorabend der Evakuierung stand unser Keller bereits rund 5 Zentimeter unter Wasser. Tage vorher hatte es heftig geregnet. Zu diesem Zeitpunkt machten wir uns noch keine großen Gedanken, da wir häufiger bei starkem Regen Wasser im Keller haben. Das Wasser lief auch wieder von alleine ab. Als wir jedoch gegen Mitternacht nochmals in den Keller gingen, stand das Wasser bereits 20 Zentimeter hoch. 

Wie erfuhrt ihr von der Evakuierung?
Sascha Mylenbusch: Gleich morgens versuchten wir die Wassermassen abzupumpen, allerdings vergeblich. Völlig unerwartet klingelte ein Feuerwehrmann bei uns an der Tür und sagte, dass wir so schnell wie möglich – am besten sofort – das Haus verlassen müssen, da von überall her Wassermassen auf unser Dorf zukämen.  

Wie schnell konntet ihr mit euren 11 Tieren evakuiert werden?
Sascha Mylenbusch: Für die Evakuierung unserer 9 Katzen und 2 Hunden haben wir insgesamt 20 Minuten gebraucht. Wir schnappten uns die Tiere, die Transportboxen, die Hundeleinen und die Impfpässe, die wir immer griffbereit haben. Sonst haben wir nichts mitgenommen. Kein Futter, keine Medikamente, geschweige denn anderes Tierzubehör. Wir hatten einfach keine Zeit.  

Wie haben die Tiere reagiert, konntet ihr alle problemlos mitnehmen? 
Sascha Mylenbusch: Irgendwie hatte ich wohl doch eine Vorahnung. Wegen des Wassers im Keller am Vorabend machten wir für unsere Katzen nur das Wohn- und Katzenzimmer zugänglich. Da unsere Katzen keine Freigänger sind, hatten wir Glück in dieser Notsituation, alle Katzen waren im Haus. Allerdings standen die Tiere im Moment der Evakuierung unter großem Stress, sodass wir ein wenig tricksen mussten, um sie aus den Ecken oder dem Schrank hervorzuholen. Mit unseren beiden Hunden ging das ohne große Probleme.  

Wie ist die Evakuierung abgelaufen? 
Sascha Mylenbusch: Da mein Mann und ich Katzenzüchter sind, hatten wir immerhin 4 Katzenboxen und eine Hundebox, die wir ebenfalls für die Katzen genutzt haben. Drei Katzen haben jeweils eine Transportbox für sich alleine bekommen, die anderen sechs Katzen haben wir in zwei Boxen aufgeteilt. Aus Erfahrung wussten wir, welche Katzen sich untereinander gut verstehen und wir sie zusammen in eine Box geben können. Die Hunde sicherten wir mit den Hundeleinen. 

Wie schnell hat sich die Lage zugespitzt?
Sascha Mylenbusch: Als wir die erste Katze ins Auto brachten, stand mir das Wasser knöchelhoch. Bei der zweiten Katze waren es schon mehr als 10 Zentimeter und bei der dritten Katze ging mir das Wasser bereits bis zu den Waden. Wir hatten kaum noch Platz im Auto, sodass ich den einen Hund vor mich in den Fußraum genommen habe und der andere Hund direkt hinter meinem Sitz Platz nehmen musste. Dazu muss ich noch sagen, dass unser Haus etwas höher auf einem Hügel steht, das gab uns einen Hauch mehr Zeit.  

Was ist um euch herum geschehen? Wohin seid ihr mit dem Auto gefahren? 
Sascha Mylenbusch: Alle Leute um uns herum waren in Panik. Blessem liegt direkt an der Abbruchkante/Erdrutsch. Das komplette Dorf stand unter Wasser. Ein Feuerwehrmann musste einen Poller beiseite schlagen, um überhaupt einen Weg frei zu machen. So konnten nach und nach viele Autos Blessem verlassen. 

Wo habt ihr Unterschlupf gefunden, wer hat euch geholfen?
Sascha Mylenbusch: Wir konnten in den 20 Minuten der Evakuierung gar nichts organisieren, sodass ich erst bei der Autofahrt eine Freundin anrief und fragte, ob sie uns aufnimmt. Sie wohnt nur eine Stunde von uns entfernt, aber aufgrund der katastrophalen Verhältnisse und der ganzen Verkehrstaus brauchten wir ganze drei Stunden, bis wir dort ankamen – und das voll beladen mit allen Tieren. 

Wie haben die Tiere auf die Veränderung reagiert? 
Sascha Mylenbusch: Unsere Freundin hat eine 40 Quadratmeter kleine Wohnung. Es war sehr eng und stressig für die Tiere. Der Stress äußerte sich bei allen sehr unterschiedlich. Eine Katze war apathisch, eine andere Katze pinkelte ständig an die Tür, die meisten sind beim kleinsten Geräusch Amok gelaufen und haben sich unter den Schränken versteckt. Der eine Hund ist relativ ruhig geblieben, den anderen mussten wir vorübergehend zu einem Freund geben, da er mit der Enge nicht klargekommen ist. Insgesamt haben wir bei unserer Freundin 10 Tage Unterschlupf gefunden.  

Wie ist die aktuelle Situation vor Ort? Ist das Haus wieder bewohnbar?
Sascha Mylenbusch: Nach einer Woche durften wir erstmals wieder zum Haus fahren. Es ist allerdings nicht mehr bewohnbar. Durch das Hochwasser funktioniert nichts mehr, die Wände sind feucht, wir haben kein Strom, kein Wasser. Zum Schluss stand der Keller bis zur Decke unter Wasser. Leider hatten wir in unserem Keller auch das ganze Tierfutter- und Zubehör gelagert. Mehrere Kratzbäume oder das Katzenstreu, alles wurde zerstört. 

Wie geht es weiter? 
Sascha Mylenbusch: Wir hatten großes Glück, uns allen geht es soweit gut und wir wollten sowieso Ende August umziehen. Die Vermieter der neuen Wohnung waren sehr nett und wir konnten bereits jetzt schon einziehen. In der neuen Wohnung fangen die Tiere so langsam an, sich wieder etwas mehr zu entspannen. Wir hoffen jetzt erstmal, dass unsere Hunde und Katzen wieder vollständig zur Ruhe kommen und sich nach und nach noch besser im neuen Zuhause einleben. 

Tipps für den Ernstfall 

Nach diesen schrecklichen Ereignissen möchte Sascha seine Erfahrung weitergeben und Tierhaltern aufzeigen, was sie beachten müssen und welche Vorkehrungen sie für den Notfall treffen können:  
„Gerade bei mehreren Tieren sollte man immer einen Notfallplan haben, vor allem wenn es um den Transport der Tiere geht. Wir wussten schon vorab, welche Katzen sich verstehen und welche wir zusammen transportieren können. Tierhalter sollten die Impfpässe der Tiere immer griffbereit haben – am besten Nahe der Haustür – denn dort finden sich alle wichtigen Daten auf einen Blick. Unter Stress hat man einfach keine Zeit lange zu suchen. Ich rate zudem jedem Halter einen Notfallkoffer für das Tier zu packen, mit den wichtigsten Medikamenten und Futter. Gerade auch wenn die Tiere beispielsweise Allergiker sind und eben nicht jedes Futter vertragen. Auch die Transportbox sollte gut zugänglich und sowohl die Katze als auch der Hund daran gewöhnt sein. Aus meiner Erfahrung ist es bei Katzentransportboxen von Vorteil, wenn diese sich von oben öffnen lassen. Manchmal ist es schwer, eine Katze seitlich in eine Box zu befördern. Tierhalter sollten sich unbedingt im Vorfeld Gedanken darüber machen, wen sie im Notfall kontaktieren und wo sie Unterschlupf finden. Einen wichtigen Tipp habe ich noch für Hundehalter. Die Vierbeiner sollten darauf trainiert werden, dass sie ruhig bleiben, wenn es nach draußen geht. Wenn sie sich an der Haustür hinsetzen und problemlos anleinen lassen, erspart das viel Stress.“ 

 

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