Günther Bloch steht Rede und Antwort zum Thema Wölfe

© Verena Scholze/Kosmos

Günther Bloch arbeitete über 20 Jahre als Hundetrainer. Nachdem er im Wolf Park (USA) Verhaltensstudien an Wölfen durchgeführt hatte, gründete er zusammen mit Elli H. Radinger die „Gesellschaft zum Schutz der Wölfe e. V.“. Weltweite Verhaltensforschungsprojekte an Wölfen und Hunden folgten. 2010 veröffentlichte er zusammen mit Elli H. Radinger das Buch „Wölfisch für Hundehalter. Von Alpha, Dominanz und anderen populären Irrtümern“, in dem die Autoren beschreiben, was wir von den Wölfen für unseren Umgang mit Hunden lernen können. Hierüber sprach TASSO mit Günther Bloch:

TASSO: Der Hund ist genetisch gesehen zu 99 % identisch mit dem Wolf. Welche Übertragbarkeit lässt sich daraus für das Hundeverhalten ableiten?

Günther Bloch: Das ist eine komplexe Frage. Fangen wir mal damit an, dass der Hund vom Wolf abstammend näher mit ihm genetisch verwandt ist, als die Verbindung zwischen Wolf und anderen Hundeartigen wie zum Beispiel dem Schakal. Beim Verhalten gibt es viele Gemeinsamkeiten, aber auch eine ganze Menge Unterschiede, die durch die Haustierhaltung über mehrere tausend Jahre hinweg entstanden sind. Vieles ist auch von der Rasse abhängig. Nordische Hunde sind näher am Wolf als zum Beispiel ein Mops.

TASSO: Das lässt sich also nicht pauschal beantworten?

Günther Bloch: Nein, da muss man fachlich gesehen auf sogenannte Funktionskreise achten. Ich gebe Ihnen zwei Beispiele. Zum einen Verhaltenskategorien: also, alles was Komfortverhalten ist. Wie sich ein Hund dreht, bevor er sich hinlegt, ist fast hundertprozentig identisch. Oder das Werbeverhalten und die ganze Fortpflanzung als solche sind ebenfalls fast identisch. Wenn man jetzt zum anderen das Ausdrucksverhalten ansieht, dann hat ein nordischer Hund noch sehr ähnliche Ausdrucksformen im Gegensatz zum Beispiel zum Boxer, der so vergröbert ist, dass man da extreme Unterschiede sieht.

TASSO: Sie sagen: „Die Idee vom Alphatier hat ebenso ausgedient wie die Idee von der Dominanz.“ Können Sie unseren Lesern das bitte erklären?

Günther Bloch: Dominanz ist ein Begriff, der negativ behaftet ist. Weil die Leute immer sehr merkwürdige Vorstellungen haben, beispielsweise davon, wie Wölfe im sozialen Bereich organisiert sind. Erstens stimmt es nicht, dass sich nur die Alphatiere verpaaren. Zweitens ist es falsch, immer vom Alpharüden zu reden, der alles entscheidet. Denn wir wissen aus der Forschung, dass das auch durchaus Weibchen sein können und häufig auch sind. Und drittens ist bei der Hundeerziehung der Alphabegriff nach streng hierarchischer Ordnung im Kopf. Unter den Aspekten sagen wir nicht mehr Alphatier, sondern Leittiere. Plural! Verhaltensbiologisch gesehen ist die Sache klar: Es gibt zwei Formen von Dominanz, die unterschieden werden. Erstens die formale Dominanz und zweitens die situative Dominanz. Die Hauptregel für formale Dominanz bei Caniden ist die Vermittlung von Schutz und Geborgenheit. Leute, die immer gegen Dominanz sind, werden ja wohl unterschreiben, dass Hundehalter die Pflicht haben, für Schutz und Geborgenheit zu sorgen. Und damit ist das Wort gar nicht mehr so negativ, oder? Situative Dominanz ist die Auseinandersetzung im Wettbewerb um alle möglichen Ressourcen: Spielzeug, Futter oder wenn es an der Tür klingelt: Wer begrüßt als Erstes? Das heißt also mit anderen Worten: Es kommt sehr wohl zwischen Mensch und Hund vor, dass der Hund sich situativ gegenüber seinem Herrchen/Frauchen durchsetzt. Und dann haben die Menschen ein Ressourcenzuteilungsproblem. Und das hat mit Dominanz im ursprünglichen Sinn erst einmal nichts zu tun, sondern das ist wettbewerbsbezogenes Durchsetzen.

TASSO: Was können wir von den Wölfen für unser Zusammenleben mit dem Hund lernen?

Günther Bloch: Das ist einer der Gründe, warum wir „Wölfisch für Hundehalter“ geschrieben haben, um zum einen die herrschenden Klischees auseinanderzunehmen. Was ich hauptsächlich vergleiche, sind junge Wölfe mit Hunden. Die haben im Prinzip denselben Enthusiasmus, die gleiche Verspieltheit, das – ich nenne das – „schnöselhafte Verhalten“. Erwachsene Tiere sind Leittiere, die für die Gruppe Verantwortung übernehmen müssen, und sind dementsprechend vergleichbar mit uns Menschen. Wir müssen ja für unsere Hunde als Gruppenhalter in vielerlei Hinsicht Verantwortung übernehmen. Wir haben mehr Pflichten als Rechte, und das haben Wölfe auch. Deshalb kann man von ihnen unheimlich viel lernen. Zum anderen kann man lernen, dass alle Leittiere zusammenhalten. Das ist beim Menschen ja überhaupt nicht so oder nur selten der Fall. Und dann natürlich all die ganzen Unterstufungen dessen – also, Gefahrenerkennung und Abwehr ist die Pflicht der Leittiere – das müssen wir auch machen. Sprich: Kommt ein Hund angerast, dann stelle ich mich vor meinen Hund und beschütze ihn.

TASSO: Welche Strategie wäre wölfisch: Unerwünschtes Verhalten zu ignorieren oder regelnd einzugreifen?

Günther Bloch: Gegen ein kurzes Nichtbeachten, wenn der Hund ständig Aufmerksamkeit haben will, ist überhaupt nichts einzuwenden. Das ist situatives Ignorieren. Langzeit-Ignorieren – von manchen wird das ja empfohlen – ist absolut tierschutzrelevant, weil es im Prinzip eine soziale Isolation eines Gruppenmitgliedes bedeutet. Das wäre ja auch noch relativ egal, wenn man dadurch nicht genau das Gegenteil dessen erreichen würde, was wir wollen. Beispiel Persönlichkeit: Diese ranghohen Typen – ich nenne sie „Pöh“-Hunde nach dem Motto „Pöh, ist mir doch Wurst“. Wenn Sie den viel ignorieren, sagt der sich: „Überleben ist gesichert. Ich bekomme mein Fressen, Wasser, ich bekomme meine Spaziergänge, ich habe ein Dach über dem Kopf – alles paletti. Und wenn der mit mir nichts zu tun haben will, dann setze ich meinen Kopf weiter durch, werde noch trotziger und eigensinniger und mache mein Ding und gehe in soziale Emigration.“ Völlig kontraproduktiv also. Bei dem Seelchen beispielsweise – das sind die, die, wenn sie nach Hause kommen, unter sich pinkeln – da ist das Ignorieren sinnvoll, denn sonst pinkelt der ja noch mehr. Und die geselligen Hunde, die sollte man begrüßen, denn die sind gesellig und freundlich und wenn die sich freuen, sollten wir uns auch freuen. Also es ist letztlich wieder abhängig vom Typus Hund.

TASSO: Das Verständnis der heutigen Hundeerziehung ist, über Belohnen ein bestimmtes Verhalten zu verstärken. Das kommt bei Wölfen doch eher nicht vor? Wie ist das zu erklären?

Günther Bloch: Wenn man Hunden etwas beibringen will, macht man das über positive Verstärkung. Bei einem Verhalten, das der Mensch als positiv erachtet, bekommt der Hund eine Belohnung. Das muss aber nicht immer Futter sein – das kann auch ein freundliches Wort oder ein Sozialkontakt sein. Daraus kann aber nicht generell abgeleitet werden, dass alles, was wir nicht wollen, ignoriert und alles, was wir als erwünschte Verhaltensweise betrachten, positiv verstärkt wird und dann auch noch mit allen möglichen Konditionierungsmitteln. Also, ich bin der Meinung, dass Hunde nicht zu konditioniert – wie Automaten – leben sollten. Ich habe nichts gegen Beschäftigung, wenn man sie in Maßen hält. Der Hund sollte einen eigenen Charakter und eine eigene Persönlichkeit formen dürfen. Dazu muss er auch selbständig Erfolge und Misserfolge verarbeiten lernen dürfen. Aber Persönlichkeit zuzulassen hat viel mit Zeit, mit Nerven und Engagement zu tun. Um auf den Wolf zurückzukommen: Die lassen ihre Jungen sich selbst entwickeln, weil jedes Individuum in einer Gruppe ein besonderes Talent und eine besonders hervorstechende Eigenschaft hat. Einer ist zum Beispiel schneller oder geselliger als ein anderer.

Aber man kann eins sagen und das sage ich mit Klarheit, weil es ja die neue Mode ist: Ignorieren ist auch oft ein Deckmäntelchen für „Nichts tun brauchen“ in dieser Gesellschaft. Keine Verantwortung mehr übernehmen, keine Konflikte mehr austragen etc. Der Wolf verhält sich nicht so. Situativ gibt es hier klare Abbruchsignale, wenn es notwendig ist. Und man kann als Mensch auch nicht einfach seinen Hund im Park andere Menschen anspringen lassen und das Verhalten dann ignorieren.

TASSO: Typische Situation: Ein nicht angeleinter Hund läuft auf einen anderen Hund mit Halter zu. Der Hundehalter sagt: „Der will nur spielen.“ Was steckt dahinter?

Günther Bloch: Bei jedem Hund muss man die Körpersprache beachten. Wenn er mit angelegten Ohren und stromlinienförmig wie ein Porsche angerast kommt und dabei keine Haare hochstellt und nichts und der andere Hund wäre jetzt etwas ängstlich und würde gar wegrennen, dann ist es wahrscheinlich, dass der heranrasende Hund Beutefangverhalten umsetzt, hinter dem Kleinen her rast, ihn packt und schüttelt. Zweites Beispiel: Wenn ein Hund mit einer neutralen Körpersprache und freundlicher Stimmung daherkommt, dann ist da erst einmal eine Bereitschaft zur freundlichen Kontaktaufnahme ausgedrückt. Insofern kommt es immer darauf an, welcher Hund da kommt. „Der will nur spielen“ ist so ein üblicher Spruch, wobei die meisten Besitzer, die das sagen, „Spiel“ überhaupt nicht definieren können. Bei solchen Aussagen sollte man immer vorsichtig sein.

TASSO: Zwei nicht angeleinte Hunde begegnen sich. Machen die Tiere das wirklich unter sich aus oder soll der Mensch eingreifen?

Günther Bloch: Hunde machen grundsätzlich erst einmal einen riesengroßen Unterschied darin, ob sie sich kennen oder nicht. Das heißt also, Hunde, die sich kennen, nehmen erst einmal tendenziell eher Rücksicht aufeinander als Tiere, die sich nicht kennen. Das heißt aber nicht, dass Hunde, die sich nicht kennen, pauschal aggressiv gestimmt sind – das kann man natürlich auch nicht sagen. Aber es ist schon eine sehr komplexe Angelegenheit. Dieser pauschale Satz „Hunde machen alles unter sich aus“ ist Blödsinn! Es sei denn, der Mensch akzeptiert Selektion. Dann können aber auch Verletzungen massivster Art vorkommen. Und dann unterschreibt diese Aussage natürlich keiner mehr.

TASSO: Das „Unter-Sich-Ausmachen“ könnte also böse enden?

Günther Bloch: Ja. Aber das Ganze ist auch schwer davon abhängig, wer sich da trifft. Hündin, Rüde, jüngerer Hund oder eben auch geschlechtsreife Hunde mit einer heißen Hündin in der Nähe, wo Konkurrenzsituationen entstehen können. Dann kommt es auf die Sozialisation dieser Hunde an, die sich treffen. Sind sie gut auf Artgenossen sozialisiert? Die pauschale Aussage, Hunde machen das unter sich aus, würde ich auf keinen Fall unterschreiben.

TASSO: Wie entsteht eine soziale Ordnung in einem Hunderudel und wie sieht diese aus?

Günther Bloch: Gehen wir davon aus, dass die Tiere über einen längeren Zeitraum zusammen sind. Dann kann man von einer Drei-Klassen-Gesellschaft sprechen, die sich bei allen Caniden entwickelt inklusive Haushunde, wobei wir da noch sehr viel forschen. Da gibt es nach circa acht Wochen den Ranghöchsten, einen Kopfhund-Typus, einen Rangniedrigen – wir nennen ihn „Seelchen“ – und ein soziales Mittelfeld, wobei die Mitglieder im sozialen Mittelfeld keine Rangordnung haben, sondern es sind sehr gesellige, sehr verspielte Tiere mit viel sozialem Klärungsbedarf. Daraus entwickelt sich eine teilweise vorhandene Rangordnung.

Bei Wölfen ist das genauso: Die geselligen Tiere bleiben länger in einer Wolfsfamilie, die ranghohen wandern sehr früh ab, fühlen sich zu Höherem berufen. Sie versuchen einen Paarungspartner zu finden und eine Familie zu gründen. Und die Rangniederen wandern auch sehr früh ab, weil sie von den anderen gemobbt oder gemieden werden.

TASSO: Ein neuer Hund kommt in eine Familie, in der es schon einen Hund gibt. Was muss man als Mensch beachten?

Günther Bloch: Man soll, wenn man einen Hund hat, diesen und den neuen Hund sich möglichst nicht im Haus, sondern auf neutralem Boden kennenlernen lassen. Wenn ich einen neuen Hund dazu bekomme, gehe ich mit diesem und dem schon vorhandenen erst einmal zusammen spazieren im neutralem Umfeld und gehe anschließend mit beiden nach Hause. Das ist sehr wichtig. Es kommt auch darauf an, was für ein Hund das ist. Wenn das ein Welpe ist und ich habe einen erwachsenen Hund, der keine Welpen mag – blöd! Dann ist auch die Frage, in welchem Alter die beiden zusammenkommen. Ich persönlich bin kein Freund von Welpen und Jungtieren zu jungen Hunden, weil die multipliziert nur Unsinn machen, sondern der Erwachsene sollte mindestens zwei Jahre alt sein. Und ich bin kein Freund davon, wenn Hunde älter als neun oder zehn Jahre sind, da noch einen neuen dazu zu tun, weil die oft ihre Ruhe haben wollen. Die geselligen Typen sind zudem mehr begeistert von neuen Kameraden als die weniger geselligen.

TASSO: Wie sehen Sie die Chancen, dass wir in Deutschland dauerhaft wieder Wölfe haben werden?

Günther Bloch: Gut. Sonst wären ja aus ursprünglich einem Wolfsrudel nicht 6-7 geworden. Gut natürlich nur, wenn die Gesetzeslage so bleibt, wie sie im Moment ist, da die Wölfe geschützt sind und offensichtlich genug Beute und Rückzugsmöglichkeiten haben. Dann kann ein Wolf prima in Kulturlandschaften leben. Es gibt ja mittlerweile auch im Westen schon Sichtungen und auch im Bayerischen Wald.

TASSO: Braucht der Hund den Menschen wirklich?

Günther Bloch: Grundsätzlich ja! Hunde sind vom Menschen abhängig. Sie sind in seinem Umfeld groß geworden – es ist ein sehr enges Verhältnis zwischen Menschen und Hunden, und manche Hunde ziehen den Menschen auch Artgenossen vor. Der Umkehrschluss wäre: Könnten sich Hunde alleine ohne Menschen draußen durchschlagen und ernähren? Die Frage kann man nur mit einem eingeschränkten „Ja“ beantworten. Es gibt einige Beispiele dafür, aber ich verbinde das Ganze mal mit der Frage: Was ist artgerecht? Und meine Meinung ist: Artgerecht für den Hund ist, eng mit dem Menschen zusammenzuleben!

TASSO: Vielen Dank für das Gespräch!

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