Starke Angstreaktionen sind für Hunde körperlich und psychisch sehr belastend. Zittern, starkes Hecheln, motorische Unruhe oder Rückzug sind typische Stressreaktionen des autonomen Nervensystems. Ein Herzinfarkt oder Schlaganfall infolge von Gewitterangst ist beim Hund nach aktuellem veterinärmedizinischem Kenntnisstand nicht zu erwarten. Solche Ereignisse entstehen in der Regel durch Durchblutungsstörungen, Gerinnungsprobleme oder strukturelle Herzerkrankungen – nicht allein durch Angst. Wichtiger ist jedoch: Unbehandelte Angst kann sich verstärken und auch auf andere Situationen ausweiten. Dass Ihre Hündin inzwischen schneller erregbar ist und auch beim Autofahren stark zittert, spricht für eine zunehmende Sensibilisierung. Bei plötzlicher Verhaltensänderung sollte zudem immer an eine körperliche Ursache gedacht werden. Schmerzen – auch wenn keine deutliche Lahmheit sichtbar ist –, orthopädische Probleme (z. B. Wirbelsäule), chronische Magen-Darm-Beschwerden wie Magenschmerzen oder Sodbrennen sowie internistische Erkrankungen können Angstverhalten verstärken oder neu auftreten lassen. Auch eine beginnende kognitive Dysfunktion (altersbedingte Veränderungen des Gehirns, umgangssprachlich „Demenz“) kann bei älteren Hunden zu erhöhter Ängstlichkeit führen. Eine gründliche tierärztliche Untersuchung ist daher ein wichtiger erster Schritt. Gewitterangst selbst ist therapeutisch anspruchsvoll, da sie nicht nur durch Geräusche entsteht, sondern durch ein Zusammenspiel aus Luftdruckveränderung, elektrischer Spannung, Gerüchen, Wind, Lichtverhältnissen und akustischen Reizen. Reines Geräuschtraining reicht deshalb häufig nicht aus. Aus verhaltensmedizinischer Sicht ist eine medikamentöse Unterstützung in vielen Fällen sinnvoll und tierschutzgerecht, um die akute Belastung deutlich zu reduzieren und Training überhaupt erst möglich zu machen. Es gibt deutlich mehr therapeutische Optionen als nur einzelne bekannte Präparate. Welche Medikation geeignet ist, hängt vom individuellen Angstprofil, von der Intensität der Symptome und von Vorerkrankungen (z. B. der leichten Nierenproblematik) ab und sollte individuell festgelegt werden.
Ich empfehle Ihnen, zunächst eine medizinische Abklärung möglicher Schmerz- oder Grunderkrankungen durchführen zu lassen und anschließend, sofern die Angst weiterhin im Vordergrund steht – entweder mit Ihrer Haustierärztin/Ihrem Haustierarzt über angstlösende Therapieoptionen zu sprechen oder sich an eine zertifizierte Verhaltensmedizinerin bzw. einen Verhaltensmediziner (z. B. über die Liste der GTVMT) zu wenden. Viele Kolleginnen und Kollegen beraten auch online per Video oder telefonisch. Je früher Angst fachlich begleitet wird, desto besser sind Prognose und Lebensqualität – für Ihre Hündin und für Sie.
Viele Grüße
Janina Rohde