Qualzucht bei Heimtieren  

Aussehen ist oft wichtiger wird als Gesundheit

Ein Mops hechelt und sitzt im Gras © Fotolia/Beatrix Kido
Besonders Möpse sind häufig so gezüchtet, dass sie nur schwer atmen können.

Große Augen, kurze Schnauzen, faltige Haut oder besonders lange Ohren: Bestimmte äußere Merkmale gelten bei Tieren als besonders niedlich oder „typisch für die Rasse“. Sie begegnen uns in der Werbung, in sozialen Medien und im Alltag, manchmal ohne, dass ihre gesundheitlichen Folgen in Gänze sichtbar sind. Doch viele dieser Merkmale sind das Ergebnis gezielter Zucht auf extreme Eigenschaften. Eigenschaften, die für Menschen ansprechend wirken, für die Tiere aber mit Schmerzen, Einschränkungen und einem erhöhten Krankheitsrisiko verbunden sein können. Wenn Tiere so gezüchtet werden, dass ihr Aussehen auf Kosten ihrer Gesundheit geht, spricht man von Qualzucht. Qualzucht betrifft viele Tierarten, unter anderem Hunde, Katzen und kleine Heimtiere. Die Folgen sind nicht immer sofort erkennbar, aber sie prägen das Leben der betroffenen Tiere oft dauerhaft. Auf dieser Seite informieren wir darüber, was Qualzucht bedeutet, warum sie entsteht und wie weiteres Leid verhindert werden kann. Dabei ist uns wichtig zu erwähnen, dass jedes Tier den gleichen Anspruch auf Liebe, Schutz, Fürsorge und eine tiergerechte, bedürfnisorientierte Haltung hat. Aufklärung und Wissen können Tierhalter:innen dabei einfühlsam unterstützen und Orientierung geben, damit das Wohl ihrer Tiere langfristig im Mittelpunkt steht.

Zucht heißt nicht automatisch gesund

Viele Menschen gehen davon aus, dass die Zucht von Rassetieren auch automatisch zur lebenslangen Gesundheit des Tieres führt und entscheiden sich gezielt für eine ganz bestimmte Zucht. Doch „Zucht“ heißt nicht automatisch „gesund“. Viele Züchter:innen arbeiten verantwortungsvoll, doch nicht immer wird auf Erbkrankheiten und Gesundheitsrisiken in der Zucht geachtet. Qualzuchtmerkmale werden oft unterschätzt und verharmlost – manchmal sogar unbewusst, weil bestimmte Merkmale als „rassetypisch“ angenommen werden. Angehende Tierhalter:innen müssen sich vor dem Kauf eines Tieres weitläufig informieren, um den Gesundheitszustand einer Rasse richtig einschätzen zu können. Hinzu kommt, dass die Nachfrage nach bestimmten Rassen nicht nur die Zucht in Deutschland fördert. Auch der internationale illegale Welpenhandel wird befeuert. Oft findet die gezielte Zucht von derzeit angesagten Hunde- oder Katzenrassen im Ausland statt. Eine tiergerechte Zucht, Unterbringung und Sozialisierung gibt es dort jedoch nicht und die Tiere werden häufig krank vermittelt.

Aufklärung statt Schuldzuweisung

Qualzucht ist ein strukturelles Problem. Sie entsteht in erster Linie durch Zuchtziele, Marktmechanismen und gesellschaftliche Schönheitsideale. Viele Halter:innen haben sich ihr Tier in gutem Glauben angeschafft oder ihm aus dem Tierschutz ein Zuhause gegeben. Andere treffen Entscheidungen, ohne die gesundheitlichen Folgen bestimmter Zuchtmerkmale vollständig zu kennen. Unser Anliegen ist es nicht, Halter:innen zu beschämen, anzuprangern oder zu verurteilen. Vielmehr wollen wir informieren, Zusammenhänge sichtbar machen und dazu beitragen, dass gesundheitliche Probleme erkannt und ernst genommen werden. Denn Aufklärung kann nur dort wirken, wo Offenheit möglich ist, ohne Angst vor Schuldzuweisungen. Qualzucht ist kein Zufall. Sie entsteht dort, wo bestimmte Merkmale gezielt gezüchtet und gleichzeitig nachgefragt werden. Nachfrage beeinflusst, was gezüchtet wird und welche Merkmale sich weiter durchsetzen. Diese Zusammenhänge sichtbar zu machen, ist Teil von Aufklärung.

Hinschauen ist nicht immer leicht

Viele Menschen leben mit einem Tier, das von Qualzucht betroffen ist, bewusst oder unbewusst, aus dem Tierheim oder aus einer Zucht. Sich mit möglichen gesundheitlichen Einschränkungen des eigenen Tieres auseinanderzusetzen, kann herausfordernd sein. Es berührt Gefühle, wirft Fragen auf und kann verunsichern. In der Psychologie spricht man in solchen Situationen von kognitiver Dissonanz: dem inneren Spannungsgefühl, wenn Liebe, Verantwortung und belastende Informationen nicht mühelos zusammenpassen. Diese Reaktion ist menschlich. Sie bedeutet nicht, dass jemand sein Tier weniger liebt oder sich nicht kümmern möchte. Gleichzeitig ist es wichtig, gesundheitliche Probleme nicht zu übersehen oder als „normal“ hinzunehmen. Atemnot, Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen sind keine Charaktereigenschaften, sie sind Anzeichen von Leid, das ernst genommen werden muss. Unser Ziel ist es, dabei zu unterstützen, hinzuschauen und zu handeln, immer zum Wohl der Tiere und mit Blick auf eine Zukunft, in der Gesundheit wieder Vorrang vor Äußerlichkeiten hat.


Checkliste: Wie erkenne ich Qualzuchtmerkmale?

Viele „rassespezifischen“ Merkmale werden fälschlicherweise als „normal“ eingestuft. So fällt es manchen Tierhalter:innen schwer, Qualzuchtmerkmale überhaupt richtig zu erkennen und einzuordnen. Wir haben einige gängige Qualzuchtmerkmale hier aufgeführt. Eine ausführliche Übersicht bietet z. B. die Plattform QUEN.

  • Brachycephalie (Kurzköpfigkeit) (Hund, Katze):
    Ein zu kleiner Kopf mit zu kurzer Schnauze kann zu zahlreichen Problemen führen. Atemprobleme, Störungen der Temperaturregulation, verengte Nasenlöcher, verlängertes Gaumensegel, verengter Rachen, Trachealkollaps, Zahnfehlstellungen, Schluckbeschwerden, Hervortreten der Augen, und Missbildungen des Gehirns (Wasserkopf) sind häufig die Folgen.
     
  • Atemgeräusche (Hund, Katze):
    Schnarchen, Röcheln, Pfeifen beim Schlafen deutet oft auf Atemprobleme hin.
     
  • Fehlbildungen des Gebisses (Hund, Katze):
    Zahnfehlstellungen führen häufig zu Zahnfehlstellungen, Einbissen und gestörter Nahrungsaufnahme.
     
  • Flache Augenhöhlen (Hund):
    Die dadurch hervorstehenden Augen führen oft zu schlechtem Lidschluss, Austrocknung der Augen, Dauertränenfluss, Hornhautverletzungen, Entzündungen und der Gefahr, dass die Augäpfel aus den Augenhöhlen treten.
     
  • Veränderungen der Augenstrukturen (vor allem des Augenlids), Exophthalmus, Entropium, Ektropium (Hund, Katze):
    Führt zu unzureichendem Schutz der Augen, Entzündungen und Schädigungen der Hornhaut.
     
  • Missbildungen des Schädels (Hund):
    Ein zu kleiner Schädel, in den das Gehirn nicht mehr richtig hineinpasst, kann zahlreiche neurologische Probleme und massive Kopfschmerzen verursachen.
     
  • Abnormale Skelettform (Hund, Katze):
    Eine abnormale Skelettform durch Skelettentwicklungsstörungen führt nicht nur zu verkürzten Beinen, sondern kann auch zu Bandscheibenvorfällen, Bewegungsanomalien, Lahmheiten und Ataxien führen.
     
  • Riesenwuchs (Hund):
    Sehr große Rassen haben häufig ein erhöhtes Risiko für Knochenkrebs, Herzprobleme, Magendrehung und eine geringere Lebenserwartung.
     
  • Zwergwuchs (Hund, Katze, Kaninchen):
    Mini- und Toyrassen haben häufig ein erhöhtes Risiko für Entwicklungsstörungen des Skeletts, Kiefer-/ Zahnfehlstellungen, Augenprobleme, Kniescheibenverlagerungen, Missbildungen des Gehirns (Wasserkopf), Schädelanomalien (persistierende Fontanelle) und neurologische Probleme.
     
  • Schwanzlosigkeit oder nicht physiologische Veränderungen des Schwanzes (Hund, Katze):
    Schwanzlosigkeit beeinträchtigt das artspezifische Verhalten und artgemäße Bewegungen.
     
  • Faltohren (Katze):
    Katzen mit angezüchteten Faltohren leiden genetisch bedingt unter Osteochondrodysplasie, einer genetisch vererbbaren Krankheit, die die gesamte Knorpel- und Knochenentwicklung betrifft und schmerzhafte knöcherne Deformationen im gesamten Körper zur Folge hat.
     
  • Schlappohren (Kaninchen):
    Das Züchten von Schlappohren führt zu einem Abknicken des Gehörgangs und hat somit häufig Ohrentzündungen zur Folge.
     
  • Extreme Langohrigkeit (Hund, Kaninchen):
    Lange Ohren bringen die Gefahr für Ohrverletzungen mit. Durch die enorme Größe der Ohren sind die Tiere in ihrer Bewegung und ihrem Sichtfeld oft beeinträchtigt.
     
  • Reinweiße Farbaufhellung (Hund, Katze, Kaninchen):
    Das Gen für die weiße Fellfarbe ist häufig mit angeborener Taubheit und Defekten am Augenhintergrund verbunden.
     
  • Übermäßige Faltenbildung der Haut (Hund):
    Faltenbildung kann aufgrund fehlender Belüftung zu vermehrten Hautentzündungen führen.
     
  • Haarlosigkeit (Hund, Katze, Meerschweinchen):
    Nackte Haut ohne schützendes Fell führt zu unzureichendem Schutz vor Wärme, Kälte und Sonne. Außerdem fehlen bei den Tieren oft die wichtigen Tasthaare.

Was können Halter:innen betroffener Tiere tun?

Sollten Sie ein von Qualzuchtmerkmalen geprägtes Tier halten, suchen Sie frühzeitig das Gespräch mit Tierärzt:innen, Tier-Physiotherapeut:innen oder Verhaltensexpert:innen. Sie können vieles tun, um Ihrem Tier das Leben zu erleichtern:

1. Tierärztliche Beratung

  • regelmäßige Gesundheitschecks (Atemwege, Augen, Zähne, Bewegung)
  • Alltag erleichtern durch passende Hilfsmittel wie Kühlmatten, gut sitzende Geschirre
    und Medical Training
  • Verhalten beobachten und ggf. verhaltenstherapeutische Beratung einholen
  • spezielles Management je nach Art (z. B. Gewichtsmanagement und Hitzeschutz für brachycephale Hunde, Ohrkontrollen bei Schlappohr-Kaninchen, frühzeitige orthopädische Abklärung bei Faltohrkatzen)

2. Wissen weitergeben

Es ist wichtig, Familie, Freunde und Umfeld über die Probleme der Tiere mit Qualzuchtmerkmalen aufzuklären. Wenn Sie bereits eigene Erfahrungen mit den Folgen von Qualzucht gemacht haben, nutzen Sie Ihr Wissen und informieren Sie andere Menschen in Ihrer Umgebung, was der Kauf eines Tieres dieser Rasse nach sich ziehen kann.


3. Finanzen realistisch planen

Bei Tieren mit Qualzuchtmerkmalen fallen überdurchschnittlich oft tierärztliche Behandlungskosten an – für Operationen, Vorsorge und Medikamente. Dies stellt Tierhalter:innen oft vor eine finanzielle Herausforderung. Die Behandlungen können kostspielig sein, verbessern aber häufig die Lebensqualität und das Wohlbefinden der Tiere. Prüfen Sie Unterstützungsmöglichkeiten über Tierschutzvereine, Familie und Freunde und denken Sie früh an finanzielle Rücklagen oder eine Tierkrankenversicherung, die auch genetisch bedingte Erkrankungen abdeckt.


4. Kein Like für Qualzucht

Da gerade in sozialen Medien und in der Werbung bestimmte Rassen mit Qualzuchtmerkmalen präsentiert werden, ist es wichtig dagegen zu steuern. Ignorieren Sie solche Posts oder melden Sie sie am besten bei den Betreiber:innen der Website. Bedenken Sie: Auch ein trauriges Emoji oder ein negativer Kommentar generiert mehr Reichweite und Sichtbarkeit für den Post oder das Video.


5. Qualzucht ist politisch

Solange Nachfrage besteht und solange es keine durchführbaren Verbote gibt, wird es schwer sein, die Zucht von Tieren mit Qualzuchtmerkmalen einzudämmen. Tierschutz muss politisch gedacht werden. Nur klare Gesetze, strengere Kontrollen und Aufklärung können Qualzucht langfristig reduzieren.
 

Verantwortung beginnt mit Wissen

Qualzucht entsteht nicht zufällig. Sie ist das Ergebnis historisch gewachsener Zuchtpraktiken, gesellschaftlicher Vorstellungen und einer Nachfrage, die gesundheitliche Folgen lange in den Hintergrund gestellt hat. Verantwortung beginnt mit Wissen und mit dem ehrlichen Blick auf Tiergesundheit, im eigenen Umfeld ebenso wie auf struktureller Ebene in Zucht, Vermarktung und Gesetzgebung. Schuldzuweisungen helfen dabei nicht weiter. Jedes Tier hat den gleichen Anspruch auf Schutz, Fürsorge und eine tiergerechte, bedürfnisorientierte Haltung. Aufklärung schafft die Grundlage, um Tierwohl dauerhaft vor äußere Merkmale zu stellen und weiteres Leid zu verhindern.

 

 


© Pixabay

Interview

Moderassen und Qualzuchten

Unter den Heimtieren gibt es immer häufiger sogenannte „Moderassen“, die in ihren Merkmalen und ihrem Aussehen den Wünschen der Menschen entsprechend gezüchtet werden. Unsere Tierärztin Dr. Cristeta Brause nimmt Stellung zu diesem Thema und erklärt, warum es negative Auswirkungen hat, wenn bestimmte Hunderassen besonders „angesagt" sind.

© Christel/Pixabay

Qualzuchtmerkmale

Schlappohren und Co.

Auch kleine Heimtiere, wie Kaninchen und Meerschweinchen sind von Qualzucht betroffen. Hier finden Sie typische Qualzuchtmerkmale bei kleinen Heimtieren. 

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