Schmerzerkennung bei kleinen Heimtieren

Was die Körpersprache von Kaninchen und Meerschweinchen über ihre Gesundheit verraten kann

Zwei schwarze Kaninchen essen aus der Hand. © Julia Knoll-Völz

Viele Tierhalter:innen fragen sich, wie sie bei ihren kleinen Heimtieren Schmerzen rechtzeitig erkennen können. Diese Frage ist alles andere als leicht zu beantworten. Denn kleine Heimtiere versuchen Schwäche und Schmerz so gut wie möglich zu verbergen. In der Natur wäre es für Tiere wie Kaninchen, Meerschweinchen, Chinchillas, Ratten, Mäuse und Hamster ein großer Nachteil, Schmerzen offen zu zeigen. So würde ein sichtbar krankes oder verletztes Tier schnell zur leichten Beute werden. Dieses Überlebensprogramm ist tief verankert und bleibt auch in menschlicher Obhut bestehen.

Hinzu kommt, dass viele dieser Tierarten in Gruppen leben und keinen engen Menschenkontakt haben. Ein leidendes Tier kann in einer Gruppe leicht untergehen, sodass frühe Signale von Halter:innen übersehen werden. Werden Schmerzen schließlich deutlich sichtbar, befinden sich kleine Heimtiere häufig bereits in einem kritischen Zustand. Die ersten Anzeichen von Schmerz sind dagegen äußerst subtil, was die Schmerzerkennung im Alltag sehr herausfordernd macht.

Warum aufmerksames Beobachten unverzichtbar ist

Veränderungen in Verhalten, Fressgewohnheit, Verdauung und Körperhaltung gehören dabei zu den wertvollsten Hinweisen. Nur wer seine kleinen Heimtiere regelmäßig bewusst beobachtet, entwickelt ein Gespür für kleine Abweichungen, die auf Schmerzen hindeuten können. Hilfsmittel wie die „Meerschweinchen-Schmerzskala“, die „Bristol Rabbit Pain Scale“ oder moderne KI-basierte Schmerzerkennungsprogramme können dabei unterstützen, Schmerzsymptome besser einzuordnen. Dennoch gilt: Gesichtsausdruck, Verhalten und Körperhaltung müssen immer im Gesamtkontext betrachtet werden. Denn art- oder rassebedingte Besonderheiten (z. B. Hängeohren bei Kaninchen) können die Interpretation von Schmerzausdrücken erschweren. In diesem Artikel zeigen wir, worauf Halter:innen achten können und welche Signale und Symptome ein rasches Handeln erforderlich machen. Denn je genauer wir unsere kleinen Heimtiere beobachten, desto besser verstehen wir ihre Körpersprache und desto schneller können wir ihre Schmerzen erkennen und ihnen helfen.

Veränderungen im Verhalten

Ein plötzlicher oder schleichender Wandel im Verhalten ist oft eines der ersten Anzeichen für Schmerz. Während manche kleinen Heimtiere sich zurückziehen, werden andere aggressiv oder übermäßig ängstlich.

  • Verminderter Appetit:
    Viele kleine Heimtiere fressen bei Schmerzen weniger oder gar nicht. Auch die Wasseraufnahme kann bei Schmerzen reduziert sein. Da ihr Verdauungssystem aber auf eine ständige Nahrungsaufnahme angewiesen ist, ist Appetitlosigkeit immer ein Notfall und eine rasche Schmerzbehandlung und Zufütterung überlebenswichtig. Andersherum bedeutet ein unveränderter Appetit nicht automatisch, dass es dem Tier gut geht. Es sollte hier immer der Gesamteindruck betrachtet werden.
     
  • Rückzug und reduzierte Interaktion:
    Ein auffälliger Rückzug in Käfigecken und Verstecke sowie weniger Interesse an der Umgebung und Absondern von der Gruppe könnte ein Hinweis auf Schmerzen sein.
     
  • Aggressivität oder erhöhte Reizbarkeit:
    Manche Tiere werden ungewöhnlich gereizt oder aggressiv, wenn sie Schmerzen haben. Ein verändertes Sozialverhalten gegenüber Artgenossen oder Halter:innen kann daher ein wichtiges Signal sein und ist in vielen Fällen auf Schmerzen im Kopfbereich (Ohren, Zähne) zurückzuführen. Manchmal kommen so auch Veränderungen in der Rangordnung und Gruppendynamik zustande. Bei Kaninchen zeigt sich teilweise auch ein intensives Buddelverhalten oder Zerstören von Gegenständen.
     
  • Ängstlichkeit und Schreckhaftigkeit:
    Kleine Heimtiere sind als Fluchttiere von Natur aus schreckhaft. Eine übersteigerte Schreckhaftigkeit und vermehrte Ängstlichkeit können ihre Ursache dennoch in einer Schmerzproblematik haben.
     
  • Reduzierte Körperpflege:
    Wenn kleine Heimtiere sich nicht mehr putzen und ihre Körperpflege vernachlässigen, kann das auf Schmerzen hindeuten. Ein stumpfes, ungepflegtes und struppiges Fell kann also auch ein Schmerzanzeichen sein.
     
  • Vermehrtes Lecken/Knabbern:
    Kleine Heimtiere lecken, benagen oder knabbern oft an Körperstellen, die ihnen Schmerzen bereiten.
     
  • Zusammenzucken:
    Ein plötzliches Zusammenzucken als Reaktion auf eine Berührung oder Abtasten kann ein Hinweis auf Schmerzen sein.
     
  • Flankenatmung/ erhöhte Atemfrequenz:
    Sichtbar pumpende Atembewegungen und Flankenatmung kann ein Anzeichen für Schmerzen oder auch Atemnot sein.

Veränderungen der Körperhaltung

Die Körperhaltung kleiner Heimtiere kann viel über ihr Wohlbefinden verraten. Tiere mit Schmerzen zeigen häufig eher eine angespannte Körperhaltung (Kauern) oder verharren bewegungslos. Außerdem können folgende Veränderungen auf Schmerzen hinweisen:

  • Gewölbter Rücken:
    Ein nach oben gekrümmter Rücken kann auf Schmerzen hinweisen. Nicht immer ist der Rücken dabei deutlich aufgekrümmt, manchmal sind es nur kleine Veränderungen der Rückenlinie. Kaninchen setzen sich bei Schmerzen beispielsweise so gekrümmt hin, dass der Rücken sehr steil abfällt; die Hinterbeine werden dabei weiter nach vorne Richtung Vorderfüße geschoben.
     
  • Bauchlage und angezogene Beine:
    Kleine Heimtiere mit Schmerzen liegen oft auf dem Bauch, pressen den Bauch eventuell auf den Boden und ziehen die Beine unter den Körper. Eine gänzlich ungewohnte Liegeposition kann ebenfalls auf Schmerz hindeuten.

Veränderungen im Gesichtsausdruck

Der Gesichtsausdruck bei kleinen Heimtieren ist ein weiterer Schlüssel zur Schmerzerkennung. Ein entspanntes Gesicht mit offenen, klaren Augen und leicht nach vorne gerichteten Ohren deutet auf Wohlbefinden hin. Hingegen können folgende Veränderungen auf Schmerzen hindeuten:

  • Halb geschlossene Augen:
    Kleine Heimtiere mit Schmerzen kneifen die Augen häufig leicht zusammen. Die Augäpfel können bei Schmerzen in die Augenhöhle verlagert werden, sodass sie weniger hervorstehen.
     
  • Nasenform (Kaninchen):
    Besonders bei Kaninchen kann die sonst U-förmige Nasenöffnung bei Schmerzen V-förmig werden.
     
  • Angelegte Ohren:
    Wenn die Ohren flach am Kopf anliegen, kann dies auf Unwohlsein, Angst oder Schmerz hindeuten. Tiere mit starken Schmerzen reagieren manchmal nicht mehr auf die Umgebung oder Geräusche.
     
  • Starre angelegte Tasthaare:
    Kleine Heimtiere mit Schmerzen können eine angespanntere Mimik zeigen. Die Tasthaare (Vibrissen), die eigentlich entspannt in einem kleinen Bogen nach unten hängen, werden dadurch näher an die Wangen gezogen, sind weniger gekrümmt oder wirken starr, angelegt und gerade.

Auffälligkeiten beim Gangbild und der Bewegung

Akute schmerzbedingte Veränderungen im Bewegungsablauf sind oft leichter zu erkennen. Während kleine Heimtiere mit starken und akuten Schmerzen die schmerzhafte Stelle meist entlasten und z.B. ein Auftreten vermeiden, zeigen Tiere mit chronischen oder leichten Schmerzen oft ein nur leicht verändertes Fortbewegungsmuster oder einen unsicheren Gang. Oft fallen subtile Veränderungen nicht gleich auf. Deswegen ist es wichtig, immer wieder einen möglichst neutralen Blick auf die Fortbewegung zu werfen und dabei auf folgende Anzeichen zu achten:

  • Lahmheit oder Schonhaltung:
    Ein kleines Heimtier, das ein Bein deutlich entlastet, lahmt oder unsicher läuft, tut dies vermutlich, um eine schmerzhafte Bewegung zu vermeiden.
     
  • Zögerliches Springen oder Vermeiden von Höhen:
    Wenn kleine Heimtiere plötzlich nicht mehr hüpfen, springen oder klettern möchten, obwohl sie das vorher getan haben, kann dies auf orthopädische Schmerzen oder auch auf Bauchschmerzen hindeuten.

Veränderungen in der Verdauung

Schmerzen im Magen-Darm-Trakt, aber vor allem auch Schmerzen im Kopfbereich (z. B. durch Zahnprobleme) können Veränderungen in der Verdauung auslösen.

  • Reduzierter Harn-/Kotabsatz:
    Ein verringerter Harn- oder Kotabsatz (sogenannter Hungerkot) kann auf Verdauungsstörungen hinweisen. Diese entstehen häufig, wenn das Tier weniger frisst oder trinkt, etwa aufgrund von Schmerzen im Kopf- oder Zahnbereich.
     
  • Vermehrte Wasseraufnahme:
    Eine übermäßige Wasseraufnahme kann auf Erkrankungen im Urogenitaltrakt (z. B. Nierenerkrankungen) hindeuten, die häufig mit Schmerzen einhergehen.
     
  • Durchfall:
    Plötzlicher oder anhaltender Durchfall kann auf eine gestörte Verdauung hindeuten. Verdauungsprobleme können z. B. durch eine unzureichende Futterzerkleinerung aufgrund von Schmerzen im Maulbereich (Zahnprobleme) entstehen. Häufig ist bei den Tieren ein kotverschmiertes Hinterteil erkennbar.
     
  • Liegengelassener Blinddarmkot (Kaninchen):
    Sollte bei Kaninchen der Blinddarmkot nicht mehr aufgenommen werden, kann das auf Unwohlsein oder Schmerzen hindeuten.
     
  • Aufgeblähter Bauch/ Aufgasung:
    Ein aufgeblähter Bauch kann auf Probleme im Magen-Darm-Bereich hindeuten, ist immer sehr schmerzhaft und als Notfall einzustufen. Viele Tiere reagieren empfindlich beim Abtasten des Bauches.
     
  • Veränderung des Harns:
    Eine veränderte Urinkonsistenz (z.B. Blasengrieß) und -farbe kann auf Schmerzen und Erkrankungen des Harn- und Gechlechtstraktes hinweisen. Verschiedene Futtermittel können aber ebenfalls Einfluss auf die Urinfarbe haben.

Veränderungen in der Lautäußerung

Meerschweinchen kommunizieren mit sehr vielen verschiedenen Lauten, doch Schmerzen werden häufig nur im Akutfall lautstark mit Quiek- oder Pfeiftönen zum Ausdruck gebracht. Kaninchen sind im Vergleich deutlich leiser und äußern seltener ihren Schmerz durch Laute. Bei extremen Schmerzen können Kaninchen schrille Schreie von sich geben.

  • Zähneknirschen (Kaninchen):
    Ein lautes Zähneknirschen kann besonders bei Kaninchen auf Schmerzen oder Zahnprobleme hindeuten.
     
  • Schrilles Quietschen oder Pfeifen (Meerschweinchen):
    Lautes Quietschen kann bei Meerschweinchen auf Schmerz hindeuten, wird aber auch bei starker Angst gezeigt.

Wann sollte eine Tierarztpraxis aufgesucht werden?

Schmerzen bedeuten für Tiere immer Stress und Leid. Deshalb sollten bereits kleine Veränderungen im Verhalten und im Gesundheitszustand ernst genommen werden. Eine regelmäßige Gewichtskontrolle (einmal pro Woche) ist dabei besonders wichtig, denn Schmerzen können bei kleinen Heimtieren schnell zu reduzierter Futteraufnahme führen. Wöchentliches Wiegen ist für Halter:innen folglich ein einfaches, zuverlässiges Mittel, um rechtzeitig Gewichtsschwankungen und mögliche Gesundheitsprobleme bei ihren kleinen Heimtieren zu erkennen. Außerdem können wöchentliche kurze Check-ups zu Hause sowie ein frühzeitiger Besuch in der Tierarztpraxis dazu beitragen, Leid zu ersparen. Gerade bei kleinen Heimtieren kann sich der Gesundheitszustand sehr schnell verschlechtern, weshalb eine zügige Behandlung besonders wichtig ist.

Glücklicherweise gibt es mittlerweile vielfältige Möglichkeiten, um Tieren die Schmerzen zu nehmen. Da kleine Heimtiere Medikamente rasch verstoffwechseln, benötigen sie speziell abgestimmte Dosierungen. Es ist daher empfehlenswert, eine Tierarztpraxis aufzusuchen, die sich auf die Behandlung kleiner Heimtiere spezialisiert hat.

Kleine Heimtiere sollten sofort in die Tierarztpraxis gebracht werden, wenn:

  • Sie länger als 2 Stunden Appetitlosigkeit zeigen.
  • Plötzliche Wesensveränderungen oder Verhaltensauffälligkeiten auftreten.
  • Lahmheiten, Probleme beim Putzen oder Springen gezeigt werden.
  • Veränderungen in der Verdauung oder Veränderungen im Urin wahrgenommen werden.
  • Veränderungen im Gewicht festgestellt werden.
  • Untertemperatur oder Fieber festgestellt wird (rektal gemessene normale Körpertemperatur: Kaninchen 38,5 - 39,5 °C/ Meerschweinchen 37,5 – 39,5 °C)

Schmerzen erkennen beginnt mit genauem Hinsehen

Die Körpersprache, der Appetit, die Verdauung und das Verhalten kleiner Heimtiere sind wertvolle Indikatoren für Schmerzen. Da sie ihre Schmerzen so gut es geht verstecken, ist es nicht immer ganz einfach Veränderungen wahrzunehmen – aber deshalb umso wichtiger, auf subtile Anzeichen zu achten, das Gewicht zu kontrollieren und regelmäßige Gesundheitschecks einzuplanen. Wer seine kleinen Heimtiere genau beobachtet und übt, die Körpersprache zu verstehen, kann Schmerzen frühzeitig erkennen und rechtzeitig tierärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Denn ein Leben ohne Schmerzen bedeutet Wohlbefinden und eine bessere Lebensqualität.


© André Beer/Pixabay

Gesundheitsmanagement

Regelmäßige Untersuchungen

Meerschweinchen und Kaninchen sind beliebte Kleinsäugetiere, deren Ansprüche an eine artgerechte Haltung oft noch immer unterschätzt werden. Dabei sind regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen genauso wichtig wie bei Hunden und Katzen.

© Sandra Zöllner

Zahnerkrankungen

Tipps für kleine Heimtiere

Meerschweinchen und Kaninchen haben andere Zähne als die meisten anderen Tiere. Ihre speziellen Zähne wachsen kontinuierlich. Das bedeutet, dass die sogenannten kleinen Heimtiere dem Wachstum nicht nur durch physiologische Kaubewegungen, sondern auch durch eine ausgewogene, faserreiche Ernährung entgegenwirken müssen.

© Tatjana Lama

Alterserscheinungen

Kaninchen & Meerschweinchen

Auch für kleine Heimtiere wie Meerschweinchen oder Kaninchen ziehen mit den Jahren immer mehr Altersbeschwerden ein. Daher sollte bei der Haltung einiges angepasst werden, um den kleinen Haustieren das Leben zu erleichtern.

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