Notdienst in der Tierklinik

Das sollten Tierhalter:innen vor einem Notfall wissen

Ein Stetoskop liegt auf einer Liege in einem Untersuchungsraum einer Tierklinik. © TASSO e.V./KI generiert
Für den Fall eines tierärztlichen Notfalls empfiehlt es sich, rechtzeitig vorzusorgen.

Ein krankes Tier, mitten in der Nacht oder am Wochenende – das ist eine der stressigsten Situationen, die Tierhalter:innen erleben können. Damit Sie in einem solchen Moment handlungsfähig bleiben und das Beste für Ihr Tier tun können, haben wir die wichtigsten Informationen rund um den tierärztlichen Notdienst für Sie zusammengestellt.

Wann ist es wirklich ein Notfall?

Nicht jedes Symptom erfordert sofort einen Besuch in der Tierklinik, aber manche Situationen sind echte Notfälle, bei denen zügiges und überlegtes Handeln gefragt ist. Um im Ernstfall schnell und richtig entscheiden zu können, lohnt es sich, die eindeutigen Notfallanzeichen zu kennen. Zur Orientierung haben wir eine Übersichtsgrafik erstellt, die zeigt, welche Symptome eine sofortige tierärztliche Behandlung erfordern. Steht fest, dass nicht bis zur nächsten regulären Sprechstunde gewartet werden kann, muss umgehend der tierärztliche Notdienst aufgesucht werden.


Was steckt hinter dem tierärztlichen Notdienst?

Der tierärztliche Notdienst stellt die medizinische Versorgung von Tieren in den Zeiten sicher, in denen keine reguläre Sprechstunde stattfindet: also nachts, an Wochenenden und an Feiertagen. In vielen städtischen Gebieten gibt es größere Tierkliniken, die rund um die Uhr geöffnet sind. In Gebieten mit kleineren Tierarztpraxen hingegen existiert häufig nur ein wechselnder Bereitschaftsdienst, der die Nächte abdeckt.

Der entscheidende Unterschied zwischen Klinik und Praxis liegt oft in der Möglichkeit, die Tiere stationär aufzunehmen: Nur größere Tierkliniken verfügen über eine Hunde- und Katzenstation mit Boxen, in denen Tiere über Nacht bleiben und rund um die Uhr medizinisch versorgt und überwacht werden können. In den Bereitschaftspraxen hingegen hat immer ein:e Tierärzt:in Bereitschaftsdienst und fährt im Notfall in die Praxis, verbringt aber nicht die ganze Nacht dort. Gerade im ländlichen Raum ist die Versorgung mit großen Kliniken oft lückenhaft. Da Tierärzt:innen laut Notfalldienstordnung der Landestierärztekammern verpflichtet sind, eine Notfallversorgung zu gewährleisten, gibt es hier eher Praxiszusammenschlüsse, die abwechselnd eine Notfallversorgung im Rahmen eines sogenannten Notdienstringes abdecken. Dabei wechseln sich die teilnehmenden Praxen im Rotationsprinzip zu den Notdienstzeiten ab, sodass eine einzige Praxis den Dienst für einen gesamten Landkreis oder Stadtbezirk übernimmt.


Weniger Personal – längere Wartezeiten

In den späten Abendstunden, nachts sowie an Wochenenden und Feiertagen arbeiten deutlich weniger Tierärzt:innen. In manchen Regionen steht nachts nur eine einzige diensthabende Person für eine ganze Region zur Verfügung und in den Tierkliniken hat meist nur eine:r der Tierärzt:innen Nachtdienst. Tagsüber an den Wochenenden ist die Abdeckung zwar meist etwas besser, dennoch gibt es oft längere Wartezeiten aufgrund reduzierter Personalstärke.


Versorgungsengpass – ein wachsendes Problem

Der Mangel an Tierkliniken mit Notdienst ist kein neues, aber ein wachsendes Problem. Betroffen ist vor allem der ländliche Raum, während die Klinikdichte in Großstädten in der Regel höher ist. Das führt dazu, dass in den wenigen verfügbaren Kliniken nachts und am Wochenende oft ein enormer Andrang herrscht und viele Notfälle gleichzeitig eintreffen. Zwei Begriffe, mit denen Tierhalter:innen in dieser Situation konfrontiert werden können, sind:

  • Triage: Die schnelle Ersteinschätzung und Einstufung von Patient:innen nach dem Schweregrad ihrer Erkrankung oder Verletzung nennt man „Triage“. Die Behandlungsreihenfolge richtet sich dabei nicht nach der Ankunftszeit, sondern nach der medizinischen Dringlichkeit. Das bedeutet, dass lebensgefährlich erkrankte Tiere zuerst behandelt werden, auch wenn andere Tierhalter:innen schon länger warten.
  • Aufnahmestopp: Wenn eine Klinik so stark ausgelastet ist, dass keine weiteren Patient:innen aufgenommen werden können und eine Weiterleitung an eine andere Klinik notwendig wird, rufen die Kliniken einen „Aufnahmestopp“ aus. Rufen Sie deshalb immer zuerst an, bevor Sie losfahren und fragen Sie gezielt nach der aktuellen Aufnahmekapazität.

Warum gibt es diesen Versorgungsengpass?

Die Ursachen für Personalmangel und Versorgungsengpass liegen tief im System der Tiermedizin verankert. Eine lange und anspruchsvolle Ausbildung, vergleichsweise niedrige Einstiegsgehälter, eine hohe mentale und emotionale Belastung sowie Schichtarbeit mit unflexiblen Arbeitszeiten führen zu hohen Burnoutraten und einer Abwanderung aus dem Beruf. Gleichzeitig entstehen zu wenige neue Klinik- und Praxisstandorte und manche Kliniken müssen ihren 24-Stunden-Notdienst wegen Personalmangels wieder aufgeben. Das Ergebnis ist ein Teufelskreis, der die verbleibenden Kliniken und ihr Personal zusätzlich belastet.


Gut vorbereitet in die Klinik – was Sie im Voraus tun können

Vorbereitung für den Notfall:
Suchen Sie sich die wichtigsten Informationen zusammen, bevor überhaupt ein Notfall eintritt. Hier hilft es, einen Ort zu haben, an dem die passenden Informationen über den Notdienst und Ihr Tier bereitliegen. In einem Stresszustand kann dies nämlich schnell vergessen werden:


•  Notiz mit Adresse und Telefonnummer der nächstgelegenen Klinik/Notfallpraxis
•  Heimtierausweis
•  Aktuelles Gewicht des Tieres
•  Notiz mit bestehenden Vorerkrankungen und wichtigen Hinweisen (Blutuntersuchungen, Diagnostik, Berichte, Rücküberweisungen
•  Aktuelle Medikamente, die gegeben werden
•  Besonderheiten zu Ihrem Tier (Allergien, Ängste, Verhalten)

Immer zuerst anrufen, auch tagsüber!

Der wichtigste Schritt vor der Fahrt in die Klinik ist ein Anruf. Eine telefonische Voranmeldung ermöglicht eine bessere Vorbereitung des Klinikpersonals. Die Tierärzt:innen können dann einschätzen, wie dringend der Fall ist, Instrumente und Infusionen bereitstellen und das Team informieren. Außerdem spart das Anrufen wertvolle Zeit: Gibt es einen Aufnahmestopp, erfahren Sie davon bereits vor der Fahrt und können kostbare Zeit sparen, indem Sie direkt eine andere Klinik anfahren. In lebensbedrohlichen Situationen kann das den entscheidenden Unterschied machen. Wichtige Infos für den Anruf sind: Tierart, Alter, Symptome, seit wann die Symptome bestehen und was bereits passiert ist. Auch wenn Sie sich unsicher sind, ob die Situation ein Notfall ist oder nicht, greifen Sie am besten zum Telefon. Oft können die diensthabenden Tierärzt:innen schon telefonisch weiterhelfen oder in der Situation beruhigen.

Symptome und Vorgeschichte notieren

Im Ausnahmezustand vergisst man schnell wichtige Details. Notieren Sie sich kurz und stichpunktartig:

  • Wann und wie die Symptome begonnen haben
  • Wann Ihr Tier zuletzt gefressen und getrunken hat
  • Wann es zuletzt Kot und Urin abgesetzt hat
  • Welche Medikamente aktuell gegeben werden
  • Welche Vorerkrankungen bekannt sind

Bei Verdacht auf Fremdkörper oder Vergiftung:
Wenn möglich, bringen Sie Reste des aufgenommenen Gegenstandes oder der aufgenommenen Substanz mit, oder machen Sie zumindest ein Foto davon. Das kann die Diagnose bei Vergiftungen und aufgenommenen Fremdkörpern erheblich erleichtern und wertvolle Zeit sparen.

Tierrettung – eine Option in manchen Städten

In einigen Städten gibt es Tierrettungsdienste, die ähnlich wie der Rettungsdienst für Menschen funktionieren. Sie übernehmen die Erstversorgung vor Ort und den Transport in die nächste geeignete Klinik. Leider ist dieses Angebot bislang auf wenige Großstädte beschränkt.


Kosten im Notdienst – was auf Sie zukommt


Höhere Gebühren im Notdienst
Die Grundlage für tierärztliche Honorare bildet die GOT (Gebührenordnung für Tierärzte). Im Notdienst sind höhere Gebührensätze gesetzlich vorgeschrieben – in der Regel das 2- bis 4-fache des Regelsatzes – zuzüglich eines Notdienstzuschlags. Das soll sicherstellen, dass die tierärztliche Versorgung auch außerhalb regulärer Sprechzeiten aufrechterhalten werden kann. Für Tierhalter:innen bedeutet das: Ein Notdienstbesuch ist grundsätzlich mit deutlich höheren Kosten verbunden als ein regulärer Termin.

Direktzahlung bei Abholung
Viele Tierkliniken bitten um Begleichung der Rechnung sofort bei Abholung des Tieres. In der Regel wird vorher bei der Aufnahme eine Erklärung zur Kostenübernahme und ein Behandlungsauftrag unterschrieben. Dies hat einen konkreten rechtlichen Hintergrund: Die Klinik kann bei einer offenen und fälligen Forderung aus dem Behandlungsvertrag im Einzelfall ein Zurückbehaltungsrecht geltend machen und die Herausgabe des Tieres bis zur Zahlung verweigern. Die Rechtsprechung hierzu ist jedoch uneinheitlich, weshalb stets die Umstände des jeweiligen Einzelfalls zu berücksichtigen sind. Nur wenige Kliniken bieten Ratenzahlung oder spätere Rechnungsbegleichung an – eine gesetzliche Pflicht dazu besteht nicht.

So emotional belastend ein Notdienstbesuch auch ist: Im Zweifelsfall sollte immer zuerst die Klinik aufgesucht werden. Es kann jedoch helfen, frühzeitig nach einer groben Kostenschätzung zu fragen, um gemeinsam eine passende Lösung zu finden und die eigene finanzielle Situation realistisch einzuschätzen.

Was tun, wenn die Notdienstkosten nicht tragbar sind?

Wenn die finanzielle Situation die Behandlungsmöglichkeiten einschränkt, kann eine ohnehin angespannte und emotionale Situation zusätzlich belastet werden. Die Sorge um das Tier und gleichzeitig um die eigenen Finanzen ist absolut verständlich. Sprechen Sie offen mit dem Klinikteam und klären Sie jeden einzelnen Kostenpunkt ab. Falls Sie die Kosten nicht alleine tragen können, gibt es verschiedene Wege, die Sie versuchen sollten:

  • Familie und Freunde um ein Darlehen bitten
  • Tierschutzorganisation um Unterstützung anfragen, die darauf ausgelegt sind, Tierhalter:innen rein finanziell zu unterstützen
  • Ratenzahlung direkt mit der Klinik besprechen

Krankenversicherung für Tiere lohnt sich für den Notfall

Eine Tierkrankenversicherung kann im Ernstfall eine enorme finanzielle Entlastung bedeuten. Für Hunde und Katzen gibt es zwei wesentliche Versicherungstypen:

  • OP-Versicherung: Übernimmt Kosten, die im Zusammenhang mit chirurgischen Eingriffen (Operationen) entstehen. Rein internistische Erkrankungen werden hier nicht abgedeckt – auch wenn sie einen Notfall darstellen.
  • Vollkostenversicherung: Deckt darüber hinaus auch internistische Behandlungen und stationäre Aufenthalte ohne eine Operation ab.

Wichtig zu wissen: Vorerkrankungen oder Erbkrankheiten sind in der Regel von beiden Versicherungsarten ausgeschlossen. Es lohnt sich, Angebote sorgfältig zu vergleichen und eine Versicherung im Jungtieralter abzuschließen, bevor der Ernstfall eintritt. Viele Krankenversicherungen haben eine Sperrfrist für die Kostenübernahme von mehreren Monaten.
 

Fazit: Vorbereitung schützt

Ein tierärztlicher Notfall ist immer mit Stress und Sorge verbunden. Informieren Sie sich daher rechtzeitig und schon im Voraus über Notfallzeichen, die nächsten Klinikstandorte und rechnen Sie mit höheren Kosten im Notdienst. Wer gut vorbereitet ist, kann klarer denken, schneller handeln und sein Tier in einer Notsituation verantwortungsvoll versorgen.

 


© TASSO e.V

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