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Hunde mit einem zu klein gezüchteten Kopf sind häufig von neurologischen Symptomen betroffen.
Bei der Entscheidung für einen Hund zählen für viele Menschen nicht mehr nur der Charakter und Eigenschaften des Tieres, zunehmend rückt auch das Aussehen in den Vordergrund. Dadurch sind Hunderassen besonders gefragt, die bestimmten Schönheitsidealen entsprechen. Das kann eine bestimmte Größe sein, eine besondere Kopfform oder eine seltene Fellfarbe. Doch spezifische Merkmale, die Menschen als „niedlich“ oder „besonders“ empfinden, gehen häufig auf Kosten der Tiergesundheit. In diesen Fällen spricht man von Qualzucht. Bei Hunden ist sie besonders verbreitet – mehr als 50 Hunderassen sind betroffen. Für die Tiere bedeutet das oft ein Leben mit Atemnot, Skelettproblemen sowie Augen-, Herz- und Hauterkrankungen. Nicht jedes Tier einer betroffenen Rasse ist automatisch krank, doch bei manchen Rassen sind problematische Merkmale sogar fest im Zuchtstandard verankert. So unterschiedlich das individuelle Leid auch ausfallen kann: es zeigt, wie dringend wir unsere Vorstellung von Schönheit hinterfragen müssen, wenn sie für Hunde ein Leben voller Beschwerden bedeutet. Im folgenden Artikel widmen wir uns Hunden, die von Qualzucht betroffen sind. Wir klären darüber auf, wie man sie erkennt und was verantwortungsbewusste Hundehalter:innen tun können, um betroffenen Tieren zu helfen.
Kleiner Kopf, große Augen und zu wenig Platz für das eigene Gehirn
Kleiner Kopf, Knopfaugen und große Schlappohren. Hunde mit kleinem Kopf bedienen das Kindchenschema und gelten als besonders niedlich. Doch was passiert, wenn das Gehirn zu groß ist für den Hundeschädel? Bei sehr kleinköpfigen Rassen wie dem Cavalier King Charles leiden 90 % der Hunde unter der Chiari-like-Malformation, einer Erkrankung, bei der das Gehirn buchstäblich zu groß für den Schädel ist. Durch den zu klein gezüchteten Schädel werden Teile des Kleinhirns durch das Hinterhauptsloch in das Rückenmark gedrückt. Das austretende Hirngewebe quetscht Nerven und verursacht Flüssigkeitsstaus, die unter anderem zu einem Wasserkopf und schweren Nervenschädigungen führen können. Die Folgen sind chronische Kopfschmerzen, Schwindel und neurologische Symptome wie Scheinkratzen. Auch andere Rassen mit klein gezüchteten Köpfen (z. B. Zwergspitze und Chihuahuas) sind häufig von neurologischen Symptomen durch einen zu klein gezüchteten Schädel betroffen. Für die Hunde bedeutet dies oft ein Leben voller Schmerzen und Einschränkungen.
Kurze Schnauze, Nasenfalte, Atemgeräusche
Die kurze Schnauze, die charakteristische Nasenfalte und das ständige Röcheln – Merkmale, die bei brachycephalen (kurzköpfigen) Hunden als besonders charmant und teilweise als völlig „normal“ wahrgenommen werden. Doch diese Hunde leiden oft unter schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen. Ihre Atmung ist durch die gezüchtete kurze Kopfform stark eingeschränkt, was zu chronischer Atemnot und Erstickungsangst führen kann. Durch den verkürzten Schädel wird nicht nur eine verkürzte Nase gezüchtet, auch die Nasenlöcher sind oftmals viel zu eng, das Gaumensegel zu lang, die Zunge zu groß und die Zähne stehen schief. Viele dieser Tiere kämpfen täglich mit Schlafstörungen, Überhitzung und einem erhöhten Risiko für einen Erstickungstod. Das häufig auftretende scheinbar niedliche Schnarchen ist eher ein Hinweis auf eine angestrengte Atmung, die die Wärmeregulation und den Schlaf beeinträchtigt und sich spürbar auf das Wohlbefinden des Tieres auswirkt.
Die körperlichen Veränderungen betreffen jedoch nicht nur die Atmung. Die zu flachen Augenhöhlen und übergroßen, herausstehenden Augen führen häufig zu schmerzhaften Augenentzündungen. Missbildungen der Wirbelsäule sind bei diesen Rassen keine Seltenheit. Hinzu kommt, dass die Kommunikation mit anderen Hunden erschwert wird: Kurzköpfige Hunde werden aufgrund der veränderten Gesichtsform von Artgenossen oft missverstanden. Fehlt etwa die „Pufferzone“ einer längeren Schnauze beim Begrüßen, wirken direkte Stirnkontakte und hochgezogene Maulwinkel distanzlos und irritierend. Die zu großen herausstehenden Augen werden von anderen Hunden oft als starrend empfunden und das ständige Röcheln kann als Knurren wahrgenommen werden. Diese Hunde sind nicht nur körperlich eingeschränkt, sondern auch in ihrer sozialen Interaktion benachteiligt – ein Leben voller Missverständnisse und gesundheitlicher Beschwerden.
Kurze Beine, langer Rücken, Dackelgang
Hunde mit sehr kurzen Beinen erfreuen sich bei vielen Menschen an Beliebtheit. Doch hinter diesem typischen Körperbau (kurz gezüchtete Gliedmaßen) steckt eine genetische Störung der Knorpel- und Knochenentwicklung (Chondrodystrophie/Chondrodysplasie). Die Fehlbildung der Knochen und Knorpel führt aber nicht nur zu kurzen Beinen und einer dauerhaften Fehlbelastung des Körpers, sondern sie kann auch zu einer frühzeitigen Degeneration und Verkalkung der Bandscheiben führen. Jeder vierte Hund mit dieser Erkrankung erleidet im Laufe seines Lebens einen Bandscheibenvorfall, der oft zu teilweisen oder vollständigen Lähmungen der Hinterbeine führt. Was viele als „rassetypisch“ und niedlich wahrnehmen, bedeutet oft Leiden für die Tiere.
Trendfarben – Schönheit um jeden Preis
Zu den Qualzuchten gehören auch Hunde mit Trend-Fellfarben durch Gendefekte. Das Merle-Gen, das bei unterschiedlichen Rassen für die charakteristische Scheckung sorgt, kann bei der Kreuzung zweier Merle-Genträger zu schweren Missbildungen an Augen und Ohren führen. Ein weiterer Trend sind ausgewaschene Fellfarben, wie das „Silber“, das durch das aufhellende Dilute-Gen hervorgerufen wird. Diese Farbverdünnung kann in Kombination mit anderen genetischen Mutationen zu Haarausfall und Hauterkrankungen führen. Was auf den ersten Blick „besonders“ und „schön“ erscheint, ist für die betroffenen Tiere häufig mit gesundheitlichen Problemen verbunden.
Unsichtbares Leid durch genetische Defekte
Die gesundheitlichen Folgen von Qualzucht sind nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Viele Erkrankungen sind nicht nur Folgen der Zucht auf bestimmte optische Merkmale, sondern „Nebeneffekte“, die auf den zu kleinen Genpool der Elterntiere zurückzuführen sind. So werden auch äußerlich zunächst nicht sichtbare Erkrankungen genetisch weitervererbt, die dann bei bestimmten Hunderassen gehäuft auftreten. Etwa 58 % aller Dobermänner leiden beispielsweise unter dilatativer Kardiomyopathie (DCM), einer Herzmuskelerkrankung, die oftmals tödlich endet. Andere Rassen, wie z.B. der Berner Sennenhund sind besonders anfällig für das histiozytäre Sarkom, eine aggressive Krebsart, die zu den häufigsten Todesursachen dieser Rasse gehört. Andere Rassen leiden z. B. häufig an Harnsteinen, die zu Nierenversagen führen können.
Qualzuchtmerkmale
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Brachyzephalie (Kurzköpfigkeit)
Die extreme Verkürzung des Gesichtsschädels, besonders der Nase und des Kiefers, führt zu erheblichen Atemproblemen und zu Störungen der Temperaturregulation. Nasenöffnung, Nasenhöhle, Rachen und Kehlkopf sind durch übermäßiges Wachstum von Nasenmuscheln, Zunge, Gaumensegel und Kehlkopfanteile verengt. Kehlkopf und Luftröhre können leicht kollabieren.
Durch die Verkürzung der Nase ist auch die Verdunstungsoberfläche im Nasenraum verkleinert, was die thermoregulatorische Funktion dieses Organs einschränkt. Dies kann zu einer lebensbedrohlichen Erhöhung der Körpertemperatur führen.
Weitere Probleme durch die Schädelverformung: Zahnfehlstellungen, Würgereiz und Schluckbeschwerden durch eine zu große Zunge, Hervortreten der Augen aus den Augenhöhlen, Risiko der Wasserkopfbildung und persistierende Fontanellen, Geburtsprobleme.
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Missbildungen des Schädels
Ein zu kleiner Schädel (Chiari-Malformation), in den das Gehirn nicht mehr richtig hineinpasst, kann zahlreiche neurologische Probleme und massive Kopfschmerzen verursachen.
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Abnormale Skelettform
Eine abnormale Skelettform durch Skelettentwicklungsstörungen (Chondrodystrophie/Chondrodysplasie) bei kurzbeinigen Hunden führt nicht nur zu verkürzten Beinen, sondern kann auch zu Bandscheibenvorfällen, Bewegungsanomalien, Lahmheiten und Ataxien führen.
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Schwanzlosigkeit, Kurzschwänzigkeit
Durch eine fehlende Rute wird die innerartliche Kommunikation und die artgemäße Bewegung erschwert.
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Dermoide (versprengte Hautanlagen)
Dermoidzysten am Auge verursachen permanente Reizungen, Rötungen und Entzündungen.
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Zwergwuchs
Mini- und Toyrassen haben häufig ein erhöhtes Risiko für Entwicklungsstörungen des Skeletts, Kiefer-/ Zahnfehlstellungen, Augenprobleme, Kniescheibenverlagerungen, Missbildungen des Gehirns (Wasserkopf), Schädelanomalien (persistierende Fontanelle) und neurologische Probleme.
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Riesenwuchs
Sehr große Rassen haben häufig ein erhöhtes Risiko für Knochenkrebs, Herzprobleme, Magendrehung und eine geringere Lebenserwartung.
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Dilute-Gen, Silber/Blue-dog-Syndrom
Die blaugraue Farbaufhellung geht mit einer Neigung zu Haarausfall, Schuppenbildung und Hautentzündung einher. Weiterhin können Lymphknotenveränderungen, Wasseransammlungen im Körper (Ödeme) sowie Störungen der Nebennierenrindenfunktion mit Immundefekten auftreten.
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Grey-Collie-Syndrom
Die silbergraue Farbaufhellung (Depigmentierung) ist mit schwerer Blutbildungsstörungen verbunden.
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Merle-Syndrom
Die charakteristische Scheckung durch das Merle-Gen kann bei Kreuzung zweier Merle-Genträger zu schweren Missbildungen an Augen und Ohren führen.
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Haarlosigkeit
Haarlose Hunde haben neben der Hautempfindlichkeit und des unzureichenden Schutzes gegen Wärme, Kälte und Sonne auch häufig Gebissanomalien und Störungen des Immunsystems.
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Reinweiße Farbaufhellung
Das Gen für die weiße Fellfarbe ist häufig mit angeborener Taubheit und Defekten am Augenhintergrund verbunden.
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Übermäßige Hautfaltenbildung
Faltenbildung kann aufgrund fehlender Belüftung zu vermehrten Hautentzündungen führen.
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Ektropium („Hängelid“, auswärts gerollter Augenlidrand)
Durch unvollständigen Lidschluss entstehen Tränenfluss, Bindehautentzündung und ggf. Hornhautveränderungen.
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Entropium (einwärts gerollter Augenlidrand)
Wimpern und Haare reiben permanent auf der Hornhaut des Auges. Reizungen und Entzündungen der Hornhaut sowie der Lidbindehaut können die Folge sein.
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Schlappohren
Lange Ohren bringen die Gefahr für Ohrverletzungen mit. Durch die enorme Größe der Ohren sind die Tiere in ihrer Bewegung und ihrem Sichtfeld oft beeinträchtigt.