TASSO: Warum gibt es den illegalen Welpenhandel und warum boomt er seit Jahren?
Heike Weber (HW): Es ist immer mehr zu beobachten, dass Tiere als „Impulskäufe“ angeschafft werden, sprich: die Interessenten möchten keine lange Wartezeiten in Kauf nehmen oder Kennenlernphasen durchlaufen, bevor ein Tier bei ihnen einziehen kann. „Es muss ein Tier her und zwar sofort“ ist auch oft der Grund, auf dubiose Anzeigen zu reagieren, was natürlich den Handel immer weiter befeuert. Hinzu kommt, dass die Gewinne aus dem illegalen Welpenhandel überaus groß sind, das Risiko, geschnappt zu werden, ist für die unseriösen Vermehrer dagegen verschwindend gering. Harte Strafen müssen die Täter ebenfalls nicht befürchten.
Warum ist der illegale Welpenhandel ein Problem – für die Tiere, für den Halter und für den Tierschutz? Und wie tragen Online-Plattformen dazu bei?
HW: Die Welpen sind meist krank, viel zu früh von der Mutter getrennt und ungeimpft. Ihre Papiere sind zudem häufig gefälscht. Es gibt auch viele Welpen, die das erste Lebensjahr nicht überstehen, weil sie qualvoll an Infektionskrankheiten, wie Staupe oder Parvovirose sterben. Den neuen Tierhalterinnen und Tierhaltern bleiben am Ende oft nur die Trauer über den Verlust sowie hohe Tierarztkosten, die schnell in den vierstelligen Bereich gehen können.
Für den Tierschutz bringt der Welpenhandel auch große Probleme. In meiner aktiven Zeit im Tierheim haben mein Team und ich etliche Tiere aus illegalen Transporten aufgenommen, gepflegt und vermittelt, teilweise 92 Welpen auf einen Schlag, was ein Kraftakt ist – personell wie finanziell – den Tierheime so eigentlich nicht tragen können. Nicht selten waren die Tiere so krank, dass sie uns trotz intensivmedizinischer Behandlung unter den Händen weggestorben sind. Auch die Gefahr der Einschleppung der Tollwut nach Deutschland besteht jederzeit.
Selbst wenn die Welpen den Transport, die Zeit im Tierheim oder die Anfangszeit bei neuen Tierhaltern weitestgehend unbeschadet überstehen sollten, darf man niemals das Leid der Muttertiere vergessen. Diese verbringen ihr gesamtes meist sehr kurzes Leben als Gebärmaschinen unter widrigsten Bedingungen – sie erhalten weder Impfungen noch tiermedizinische Versorgung oder ausreichend und artgerechtes Futter.
Der Welpenhandel ist rein auf Profit ausgelegt und das Tierleben an sich ist den Händlern nichts wert. Solange die Nachfrage anhält, wird „nachproduziert“. Gerade Online-Plattformen bieten unseriösen Vermehrern die Möglichkeit, ihre Welpen anzubieten, ohne dass Name und Adresse verifiziert werden. Eine wichtige Maßnahme wäre ein Tierschutzgesetz, das den Onlinehandel strenger reguliert, sodass Tiere nicht mehr anonym und ungeprüft verkauft werden können.
Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit ein Welpe nach Deutschland überhaupt einreisen darf?
HW: Für Welpen, die aus dem Ausland nach Deutschland transportiert werden, ist ein wirksamer Tollwutimpfschutz vorgeschrieben. Da die Tollwutimpfung frühestens ab der 12. Lebenswoche durchgeführt werden darf und erst nach rund drei Wochen wirksam wird, ist eine Einfuhr nach Deutschland erst ab der vollendeten 15. Lebenswoche erlaubt. Werden jüngere Welpen in Deutschland zum Verkauf angeboten, ist davon auszugehen, dass sie illegal ins Land gebracht wurden. Darüber hinaus ist für den Transport eine Genehmigung nach § 11 Tierschutzgesetz zwingend.
Und wie kann der illegale Handel gestoppt werden?
HW: Ich denke ein guter erster Schritt wäre mit mehr Kontrollen und konsequenteren und härteren Strafen bei gestoppten Transporten getan. Die Händler kommen meist mit einer geringen Geldstrafe davon – wenn sie überhaupt belangt werden. Die Strafen sind aber in der Regel so niedrig angesetzt, dass die Händler diese bereits einkalkulieren und mit der nächsten Fuhre Welpen meist wieder ausgleichen können. Eine nachhaltige und wirksame Maßnahme zur Eindämmung des illegalen Welpenhandels ist auch die Einführung einer flächendeckenden Kennzeichnungs- und Registrierungspflicht für Hunde und Katzen. Die Einführung würde nicht nur zu einer schnelleren Rückvermittlung von Fundtieren führen, sondern auch im Bereich des Verbraucherschutzes und im Vollzug im Tierschutz Vorteile nach sich ziehen, z. B. durch mehr Transparenz im Bereich des Online-Welpenhandels. Eine EU-Verordnung ist hier endlich auf dem Weg. Zusammengefasst: Klare Regeln, wirksame Sanktionen, funktionierende Kontrollen und eine konsequente Durchsetzung. Nur dann lässt sich der Handel stoppen.
Es gibt immer wieder Meldungen über beschlagnahmte Welpen. Doch was passiert mit diesen Tieren danach? Heike, welche Erfahrungen hast du während deiner Zeit im Tierheim gemacht?
HW: Mein Team und ich haben während meiner aktiven Zeit im Tierheim etliche Welpen aus sichergestellten Transporten aufgenommen. Das Prozedere läuft immer sehr ähnlich ab: Meist wird ein Transport auf der Autobahn von der Polizei gestoppt und dann muss alles ganz schnell gehen. Die Tiere müssen noch vor Ort begutachtet werden, die Sicherstellung kann nur von Amtswegen erfolgen, das heißt, es muss ein Verstoß gegen geltende Gesetze festgestellt werden. Die sichergestellten Tiere müssen dann in einem Tierheim untergebracht werden und wegen des unbekannten Krankheitsstatus zunächst in Quarantäne. Da die Tiere meist in der sogenannten Immunologischen Lücke transportiert werden – sprich das Immunsystem erhält keine Antikörper mehr durch die Muttermilch und ist noch nicht durch eine Impfung geschützt – sind die Tiere besonders krankheitsanfällig. Es gilt, einen stabilen Keimstatus (also eine gleichbleibende Umgebung) für die Tiere zu schaffen, bis das Immunsystem stabil genug ist, auf Keime aus der Umwelt adäquat zu reagieren beziehungsweise bis die Tiere einen Impfschutz haben. Dies erfordert oberste Hygienemaßnahmen im Tierheim. Bei uns wurden die Tiere gleich nach Ankunft untersucht, um Alter und Gesundheitsstatus festzuhalten. Die Versorgung und Behandlung dieser Welpen ist oft genug ein Wettlauf mit der Zeit. Wir haben etliche Welpen verloren, was für uns jedes Mal sehr schmerzlich war. Was man bei all dem Kampf nie vergessen darf: die Welpen sind zwar sichergestellt, gehören aber rein rechtlich immer noch dem entsprechenden Welpenhändler. Meine Erfahrung ist, dass die Händler in der Regel nicht freiwillig auf ihre „Ware“ verzichten und meist auf Herausgabe der Tiere klagen. Gewinnt der Händler, müssen die Tiere tatsächlich zurückgegeben werden, sobald sie gesundheitlich stabil und transportfähig sind. Der Händler muss alle im Tierheim entstandenen Kosten begleichen. Verliert der Händler, verbleiben die Tiere im Tierheim und können von dort aus je nach Gesundheitszustand auf die Suche nach einem Zuhause gehen.
Und wie groß sind die Chancen, dass die Welpen ein passendes Zuhause finden bzw. gibt es genügend Interessenten?
HW: Die Nachfrage nach Rassewelpen im Tierheim ist enorm groß und bei unseren aufgenommenen Welpentransporten stand das Telefon ab Tag eins nicht mehr still. Ich möchte hier auch eine Lanze für alle Kollegen im Tierheim brechen: dieser Ansturm kann nicht bewältigt werden! In so einer Ausnahmesituation heißt es „Alle Mann an Deck!“ und die Versorgung der Tiere steht an erster Stelle. Die Vermittlung in ein neues Zuhause erfolgt dann nach einem notwendigen Auswahlverfahren, denn künftige Tierhalter müssen sich immer ihrer Verantwortung bewusst sein – besonders aber, wenn ihr Welpe nicht den besten Start ins Leben hat und man noch nicht alle gesundheitlichen Defizite bei der Vermittlung voraussehen kann. Wir haben „Gott sei Dank“ für alle unsere Welpen jeweils ein gutes Zuhause gefunden und mit einigen neuen Haltern stehe ich heute noch in Kontakt.
Was sollten Halter tun, wenn sie vermuten, einen illegalen Welpen adoptiert zu haben?
HW: Der erste Gang der neuen Hundebesitzer sollte in eine Tierarztpraxis führen. Neben der Tollwutimpfung werden die Tiere dort noch auf Endo- und Ektoparasiten untersucht und behandelt. Ebenso kommt es sehr häufig vor, dass Tiere „fitgespritzt“ werden. Diese Vitamindepots halten für einige Tage an und der eigentliche Gesundheitsstatus zeigt sich erst bei nachlassender Wirkung. Darauf sollte man vorbereitet sein bzw. dem sollte man frühzeitig entgegenwirken.
Ein weiteres Problem ist die fehlende Sozialisierung der Welpen. Da sie viel zu früh von der Mutter und ihren Geschwistern getrennt wurden, können dadurch unter Umständen auch Verhaltensauffälligkeiten entstehen, die sich spätestens in der juvenilen Phase zeigen. Der Besuch einer Hundeschule ist in jedem Fall ratsam.
Was sollten künftige Hundehalter tun, wenn sie unbedingt einen Rassewelpen haben möchten?
HW: Natürlich raten wir als Tierschützer immer dazu, dass der erste Weg bei der Suche nach einem tierischen Begleiter ins nächste Tierheim führen sollte. Auch hier warten Rassehunde und Welpen auf ein neues Zuhause. Nicht nur für die Tiere, auch für die meist überfüllten Tierheime wäre das eine große Entlastung. Doch wenn sich zukünftige Besitzer für eine bestimmte Rasse oder auch ganz generell aus verschiedenen Gründen für ein Tier vom Züchter entschieden haben, ist meine Empfehlung immer, auf Seriosität zu achten und auf keinen Fall auf Online-Handel reinzufallen.
Ein seriöser Züchter hat in Regel einen Wurf pro Mutterhündin pro Jahr. Die Würfe werden rechtzeitig ausgeschrieben bzw. bekannt gegeben. Die Auswahl der Interessenten erfolgt persönlich und nach individuellen Kriterien. Hund und Halter müssen in jeder Hinsicht zusammenpassen. Die Welpen können und sollten vor dem Auszug mehrmals besucht werden und die Tiere werden sowohl im Familienverbund als auch mit der Mutterhündin erlebt. Selbstverständlich sind die Tiere bei Auszug alt genug, gechipt, geimpft und entwurmt. Der Züchter hält sicherlich auch nach dem Auszug der Tiere gerne Kontakt mit den neuen Haltern, um Fragen zu beantworten und sicherzugehen, dass es dem Welpen in seinem neuen Zuhause gut geht.