Zwei Hunde, ein Zuhause – Ist es Zeit für einen Zweithund?

Der Selbstcheck – Zeit, Kosten, Wohnsituation & Kompatibilität

Ein Hund mit weiß-braunem Fell und ein Hund mit braunem Fell sitzen auf einem Feld nebeneinander. © Privat
Ein Zweithund kann das Zusammenleben bereichern, bedeutet aber auch deutlich mehr Aufwand.

Der Alltag mit einem Hund ist eingespielt, die Beziehung gewachsen – und immer öfter kreisen die Gedanken um das Thema Zweithund. Die Vorstellung von zwei Hunden, die miteinander spielen, sich gegenseitig Gesellschaft leisten und den Alltag bereichern, ist verlockend. Vielleicht geht einem aber auch ein bestimmter Hund aus dem Tierheim nicht mehr aus dem Kopf und man weiß, dass auch dieses Tier ein liebevolles Zuhause verdient hat – und man vielleicht genau das bieten könnte.

Mehrhundehaltung kann eine große Bereicherung sein. Sie bedeutet jedoch nicht automatisch, dass zwei Hunde einfach gemeinsam „mitlaufen“. Wie jede tierische Familienerweiterung erfordert auch die Aufnahme eines zweiten Hundes ehrliche Vorüberlegungen und eine gute Vorbereitung. In diesem Text beleuchten wir die wichtigsten Fragen, die Sie sich vor der Adoption eines zweiten Hundes stellen sollten, damit im besten Fall beide Hunde und die gesamte Familie von der Entscheidung profitieren.


Ist Mehrhundehaltung das Richtige für mich? – Der Selbstcheck vor dem Einzug

Ein Zweithund erfordert – genau wie jeder andere Hund – zeitliche, finanzielle, räumliche und mentale Kapazitäten. Ein weit verbreiteter Irrglaube ist, dass der zweite Hund einfach mitläuft und die Mehrbelastung kaum spürbar ist, weil viele Abläufe mit dem Ersthund bereits Routine sind. Tatsächlich kann sich der Aufwand gerade in der Anfangszeit, aber auch in späteren Lebensphasen, deutlich mehr als verdoppeln. Natürlich lassen sich manche Versorgungsroutinen mit zwei oder mehr Hunden gemeinsam und effizient gestalten. Dennoch benötigt jeder Hund individuelle Zeit mit seinen Bezugspersonen.

  • Hunde unterscheiden sich in Bedürfnissen und Vorlieben.
  • Jeder Hund bringt eigene Trainingsthemen mit.
  • Jeder Hund braucht Raum für den Aufbau und die Pflege seiner eigenen Beziehung zu den Menschen.

Getrennte Spaziergänge und Trainingseinheiten oder einzelne Tierarztbesuche können deshalb einen erheblichen zeitlichen Mehraufwand bedeuten. Auch die Wohnsituation spielt eine Rolle. Dabei geht es weniger um eine konkrete Quadratmeterzahl als um die Struktur des Zuhauses. Beide Hunde sollten sich bei Bedarf problemlos aus dem Weg gehen können und ausreichend Ruhe- und Rückzugsmöglichkeiten haben. Engstellen und Sackgassen innerhalb des Wohnraums können die Kommunikation der Hunde erschweren und Konflikte begünstigen. Selbst wenn sich beide Hunde grundsätzlich gut verstehen, können daher getrennte Ruhebereiche, Türgitter oder andere Managementmaßnahmen sinnvoll oder zeitweise notwendig sein.

Finanzieller Möglichkeiten: Auch an das Unplanbare denken

Vor der Adoption eines weiteren Hundes sollten außerdem die finanziellen Möglichkeiten realistisch eingeschätzt werden. 

Zu berücksichtigen sind unter anderem laufende Kosten für:

  • Futter
  • Tiermedizinische Versorgung
  • Hundesteuer
  • Versicherungen
  • Training
  • Urlaubsbetreuung

Besonders wichtig sind jedoch die schwer kalkulierbaren Ausgaben. Für tiermedizinische Notfälle sollten für jeden Hund auch kurzfristig mehrere Tausend Euro zur Verfügung stehen können – oder eine entsprechend umfassende Tierkrankenversicherung bestehen.

Mentale Kapazitäten: Ein weiteres Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen

Nicht zuletzt sind die mentalen Kapazitäten, die das Leben mit zwei Hunden erfordert, nicht zu unterschätzen. Wer einen zweiten Hund adoptiert, entscheidet sich für ein weiteres Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen, Charaktereigenschaften, Vorlieben und möglicherweise auch Herausforderungen. Routinen, Dynamiken innerhalb der Familie und die Beziehung zum Ersthund werden sich verändern. Das kann viel Freude bereiten, aber auch Sorgen und Belastungen mit sich bringen und erfordert Flexibilität und die Bereitschaft, die eigenen Vorstellungen immer wieder an die Bedürfnisse beider Hunde anzupassen.


Ist mein Ersthund bereit für einen Zweithund?

Soziale Kontakte zu Artgenossen sind für Hunde ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass ein Hund für sein Wohlbefinden einen Artgenossen im eigenen Haushalt benötigt. Ob ein Hund vom dauerhaften Zusammenleben mit einem anderen Hund profitiert, hängt von vielen individuellen Faktoren ab. Eine Rolle spielen unter anderem:

  • Vorerfahrungen und Sozialisation
  • Individuelle Charaktereigenschaften und Bedürfnisse
  • Alter und Entwicklungsstand
  • Trainingsstand
  • Die jeweilige Familien- und Lebenssituation

Ein Hund, der bereits positive Erfahrungen mit dem Zusammenleben mit Artgenossen gemacht hat und deren Nähe schätzt, bringt andere Voraussetzungen mit als ein Hund, der engen Kontakt zu anderen Hunden als belastend erlebt oder beispielsweise stark zur Verteidigung von Ressourcen neigt.

Eine sorgfältige Einschätzung des Ersthundes ist deshalb eine wichtige Voraussetzung für die Entscheidung für oder gegen einen Zweithund. Ein weiterer Hund sollte niemals mit dem Ziel einziehen, bestehende Probleme des Ersthundes – beispielsweise Trennungsangst – zu lösen. Diese Verantwortung kann und sollte ein anderer Hund nicht tragen. Im ungünstigsten Fall bleiben die bestehenden Probleme bestehen, verstärken sich oder übertragen sich auf den neuen Hund. Grundsätzlich sollte der Alltag mit dem Ersthund bereits stabil funktionieren und eine tragfähige Beziehung zu seinen Bezugspersonen bestehen. Auch sollte der Hund die Anwesenheit gut bekannter Artgenossen im eigenen Zuhause nicht als dauerhaften oder übermäßigen Stress erleben. Alter und Entwicklungsstand spielen dabei ebenfalls eine Rolle: Gerade während der Pubertät und Adoleszenz befinden sich viele Hunde selbst noch in einer intensiven Entwicklungsphase. Häufig ist es deshalb sinnvoll, mit der Aufnahme eines zweiten Hundes zu warten, bis der Ersthund sozial und emotional gefestigter ist.

Zweithund ja oder nein? 6 Fragen, die Sie sich ehrlich beantworten sollten

1. Habe ich ausreichend Zeit, um beiden Hunden täglich auch individuell gerecht zu werden?
2. Bietet meine Wohnsituation genug Raum und Rückzugsmöglichkeiten für zwei Hunde?
3. Kann ich die laufenden Mehrkosten für Futter, Tierarzt, Steuer, Versicherung, Training und Betreuung dauerhaft tragen – und habe ich ausreichend Rücklagen für unvorhersehbare Ausgaben?
4. Haben ich und alle beteiligten Personen Freude daran, einen weiteren Hund durchs Leben zu begleiten, uns auf ihn einzulassen und auch dann Kompromisse einzugehen, wenn sich das Zusammenleben anders entwickelt als erträumt?
5. Würde mein Hund voraussichtlich von einem weiteren Hund im Haushalt profitieren oder zumindest gut mit ihm zusammenleben können?
6. Gibt es einen Plan B für den Fall, dass das Zusammenleben nicht sofort oder auch langfristig für einen der Hunde funktioniert?

 

Diese Fragen sollten mit einem klaren „Ja“ beantwortet werden können. Ist das nicht der Fall, lohnt es sich, die Entscheidung für einen Zweithund noch einmal zu überdenken oder zunächst die Voraussetzungen zu verändern.

 


Welcher Hund passt zu meinem Hund? – Kompatibilität richtig einschätzen

Rund um die Frage, welche Hunde gut zusammenpassen, kursieren viele pauschale Empfehlungen. Mal wird ein Mindestaltersabstand von zwei Jahren empfohlen, mal grundsätzlich vor der Haltung zweier Rüden gewarnt. Tatsächlich sind soziale Beziehungen zwischen Hunden jedoch komplex und lassen sich nicht anhand einer einfachen Checkliste vorhersagen. Alter und Geschlecht können eine Rolle spielen, entscheiden aber nicht allein darüber, ob zwei Hunde miteinander harmonieren.

Wer seinen eigenen Hund gut kennt, kann häufig bereits einschätzen, mit welchem Hundetyp er sich wohlfühlt:

  • Manche Hunde bevorzugen kleinere oder ruhigere Artgenossen.
  • Andere harmonieren besser mit Rüden oder Hündinnen.
  • Auch ein ähnliches oder gut zueinander passendes Spiel- und Kommunikationsverhalten kann relevant sein.

Aus solchen individuellen Vorlieben und Abneigungen ergibt sich häufig ein deutlich aussagekräftigeres Bild als aus pauschalen Regeln zu Alter, Rasse oder Geschlecht.

Bedürfnisse, die miteinander vereinbar sind

Bei der Auswahl sollte jedoch nicht nur die direkte Sympathie zwischen den Hunden berücksichtigt werden. Ebenso wichtig ist die Frage, ob ihre Bedürfnisse im gemeinsamen Alltag miteinander vereinbar sind. Große Unterschiede im Aktivitätsniveau oder in den Ruhe-, Beschäftigungs- und Trainingsbedürfnissen können einen erheblichen zusätzlichen Aufwand bedeuten. Das kann alters-, rasse- oder charakterbedingt sein und ist nicht grundsätzlich problematisch – die Bezugspersonen müssen jedoch in der Lage sein, beiden Hunden individuell gerecht zu werden.

Bei nicht kastrierten Hündinnen müssen zudem der Zyklus und die damit verbundenen hormonellen Veränderungen berücksichtigt werden. Diese können sich phasenweise auswirken auf:

  • das Verhalten der Hündin allgemein
  • ihr Sozialverhalten gegenüber Artgenossen
  • ihre individuellen Bedürfnisse

Manche ansonsten sehr verträglichen Hündinnen zeigen beispielsweise während der Läufigkeit ein deutlich verändertes Verhalten gegenüber anderen Hunden. Leben eine unkastrierte Hündin und ein unkastrierter Rüde gemeinsam in einem Haushalt, braucht es für die Zeit der Läufigkeit ein zuverlässiges Management. Dabei geht es nicht nur darum, eine Fortpflanzung sicher zu verhindern, sondern auch darum, Belastungen für beide Hunde möglichst gering zu halten. Je nach individueller Situation kann dafür eine konsequente räumliche oder zeitweise vollständige Trennung notwendig sein.


Wie gelingt die Vergesellschaftung zweier Hunde?

Neben der grundsätzlichen Kompatibilität der Hunde sind der erste Kontakt und die anschließende Vergesellschaftung von großer Bedeutung. Selbst bei guten Voraussetzungen und gegenseitiger Sympathie kann der Stress rund um den Einzug eines neuen Hundes vorübergehend zu Spannungen führen. Umgekehrt kann sich eine gute Beziehung auch langsam entwickeln, obwohl die Hunde einander beim ersten Kennenlernen zunächst eher skeptisch begegnen.

Eine Vergesellschaftung braucht deshalb Zeit und eine aufmerksame Begleitung. Bezugspersonen sollten die Körpersprache und das Sozialverhalten beider Hunde beobachten, Ressourcen und Rückzugsmöglichkeiten im Blick behalten und nicht erwarten, dass die Hunde vom ersten Tag an alles miteinander teilen oder ständig zusammen sein möchten. Bei Unsicherheiten oder auftretenden Konflikten kann es sinnvoll sein, frühzeitig qualifizierte verhaltensmedizinische oder hundetrainerische Unterstützung hinzuzuziehen.

Wurfgeschwistersyndrom

Das Wurfgeschwistersyndrom ist kein medizinisch oder verhaltensmedizinisch anerkanntes Krankheitsbild. Der Begriff wird umgangssprachlich für mögliche Schwierigkeiten verwendet, die entstehen können, wenn zwei gleichaltrige Welpen – insbesondere Wurfgeschwister – gemeinsam aufwachsen. Sie können sich sehr stark aneinander orientieren und dadurch weniger Erfahrungen unabhängig voneinander sammeln. In manchen Fällen entwickeln sich Probleme wie eine starke Abhängigkeit voneinander, Schwierigkeiten bei der Trennung, Unsicherheit gegenüber Menschen oder anderen Hunden oder eine erhöhte Erregbarkeit.

Das gemeinsame Aufwachsen zweier Welpen führt nicht automatisch zu solchen Problemen. Dennoch ist die gleichzeitige Aufnahme zweier Welpen eine sehr anspruchsvolle Aufgabe und für die allermeisten Tierhalter:innen nicht zu empfehlen. Sie erfordert viel Zeit und Management sowie konsequent auch getrennte Erfahrungen, Aktivitäten und Ruhezeiten. Zwei Welpen sollten daher nur in Ausnahmefällen gemeinsam aufgenommen werden – und nur, wenn ihre Bezugspersonen bereit und in der Lage sind, den erheblichen zusätzlichen Aufwand zu leisten. Eine professionelle Begleitung ist dabei empfehlenswert.

 

Ein Zweithund aus dem Tierschutz – ein guter Plan?

Wer sich für einen zweiten Hund entscheidet, kann mit ausreichend Zeit und guter Beratung im Tierheim einen passenden Hund finden. Ein Vorteil kann sein, dass viele Hunde dort über einen längeren Zeitraum beobachtet wurden. Erfahrene Tierheimmitarbeiter:innen kennen häufig ihre Vorlieben, Bedürfnisse und Verhaltensweisen und können einschätzen, ob ein Hund grundsätzlich für das Leben in einem Mehrhundehaushalt infrage kommt.

Zudem lässt sich das Kennenlernen häufig schrittweise gestalten. Mehrere Treffen und gemeinsame Spaziergänge geben nicht nur den Hunden Zeit, sich kennenzulernen, sondern ermöglichen auch den beteiligten Menschen, die entstehende Dynamik zu beobachten. Dennoch kann auch eine sorgfältige Einschätzung nicht garantieren, dass das spätere Zusammenleben problemlos verläuft. Verhalten entsteht immer im Zusammenspiel zwischen Individuum und Situation – und ein neues Zuhause bringt für einen Hund zunächst zahlreiche Veränderungen mit sich.

Umso wichtiger ist eine ehrliche Kommunikation mit dem Tierheim. Wie lebt der Ersthund? Was fällt ihm leicht, was schwer? Wie verhält er sich gegenüber anderen Hunden und im eigenen Zuhause? Je genauer beide Seiten hinschauen, desto größer ist die Chance, einen Hund zu finden, dessen Bedürfnisse tatsächlich zur bestehenden Familie passen.
 

Fazit: Mit Vorbereitung kann ein Zweithund ein Gewinn werden

Ein zweiter Hund kann für Mensch und Hund eine wunderbare Bereicherung sein. Die Entscheidung sollte jedoch nicht allein aus dem Wunsch entstehen, dem Ersthund Gesellschaft zu bieten oder einem weiteren Hund helfen zu wollen. Damit Mehrhundehaltung für alle Beteiligten funktioniert, braucht es eine ehrliche Einschätzung der eigenen Kapazitäten, einen sorgfältigen Blick auf die Bedürfnisse des Ersthundes und einen durchdachten Auswahl- und Vergesellschaftungsprozess. Doch auch bei bester Vorbereitung lassen sich Beziehungen nicht planen. Eine verantwortungsvolle Mehrhundehaltung erfordert deswegen ganz besonders viel Flexibilität, Spontanität und Kreativität im Umgang mit Situationen und Phasen, die anders kommen als geplant.

Nehmen Sie sich deshalb Zeit für die Entscheidung – und lassen Sie sich bei Fragen von Ihrem Tierheim sowie qualifizierten Hundetrainer:innen oder verhaltensmedizinisch arbeitenden Tierärzt:innen beraten.

 

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