Akute vs. chronische Schmerzen
Schmerzen werden in der Tiermedizin üblicherweise in akute und chronische Schmerzen eingeteilt. Akute Schmerzen sind meist leichter zu erkennen, da sie oft mit plötzlichen und deutlichen Veränderungen im Verhalten oder der Körpersprache einhergehen. Diese Veränderungen fallen uns als Halter:innen in der Regel schnell auf. Anders ist es bei chronischen Schmerzen: Sie schleichen sich häufig langsam ein, sodass wir sie im Alltag leicht übersehen können – gerade, wenn wir unseren Hund täglich sehen und uns unbewusst an kleine Veränderungen gewöhnen.
Ein plötzlich lahmender Hund wird schneller als alarmierend wahrgenommen als ein Hund, der auf Schmerz mit Appetitlosigkeit reagiert und dabei nur gelegentlich mäkelig frisst. Das macht die Schmerzerkennung bei chronischen Schmerzen so schwierig.
Alle Schmerzen, ob akut oder chronisch, sollten ernst genommen werden und gerade subtile Veränderungen verdienen unsere Aufmerksamkeit. Je mehr Zeit wir mit unserem Hund verbringen, desto feiner wird unser Gespür für seine Körpersprache und Verhaltensveränderungen.
In den folgenden Beispielen zeigen wir, auf welche Veränderungen in Körpersprache, Verhalten und Lautäußerung Sie bei Ihrem Hund achten können:
Veränderungen im Verhalten
Ein plötzlicher oder schleichender Wandel im Verhalten ist oft eines der ersten Anzeichen für Schmerz. Während manche Hunde ruhiger werden, werden andere aggressiv, ängstlich oder übermäßig anhänglich.
- Rückzug und reduzierte Interaktion:
Ein sonst kontaktfreudiger Hund, der plötzlich vermehrt Ruhe sucht, mehr schläft oder weniger Interesse an seiner Umgebung zeigt, könnte Schmerzen haben.
- Aggressivität oder erhöhte Reizbarkeit:
Manche Hunde werden ungewöhnlich gereizt und reagieren mit Jaulen, Knurren oder Schnappen, wenn sie berührt oder hochgehoben werden. Auch ein verändertes Sozialverhalten gegenüber Menschen oder Artgenossen kann ein Signal für Schmerzen sein.
- Unruhe:
Auch vermehrte Unruhe oder nächtliches Umherwandern können auf Schmerzen hindeuten.
- Ängstlichkeit und Schreckhaftigkeit:
Plötzlich auftretende Schreckhaftigkeit und vermehrte Ängstlichkeit können ihre Ursache in einer Schmerzproblematik haben.
- Verminderter Appetit:
Ein Hund, der sein Futter verweigert oder weniger frisst, könnte unter Zahnschmerzen, Magenproblemen oder anderen Schmerzen leiden.
- Ausscheidungsverhalten:
Schmerzen können dazu führen, dass ein Hund das Hinhocken oder Beinanheben meidet – beispielsweise, weil das Hocken oder Anheben schmerzhaft sind. Folgen können Kotabsatzprobleme, Urinieren in ungewohnten Stellungen und Unsauberkeit sein.
- Reduzierte Körperpflege:
Wenn ein Hund sich nicht mehr putzt oder schüttelt, kann das ebenfalls schmerzbedingt sein.
- Vermehrtes Lecken/Knabbern:
Hunde lecken, beißen oder knabbern oft an Körperstellen, die ihnen Schmerzen bereiten.
Veränderungen der Körperhaltung
Die Körperhaltung eines Hundes verrät viel über sein Wohlbefinden. Gesunde Hunde zeigen im Liegen und Sitzen eine entspannte Muskulatur und wirken nicht verkrampft oder angespannt. Schmerzbedingte Veränderungen der Körperhaltung können je nach Ausprägung sehr deutlich sichtbar oder auch kaum erkennbar sein.
- Gewölbter Rücken:
Ein nach oben gekrümmter Rücken kann auf Bauch- oder Rückenschmerzen hinweisen. Besonders auffällig ist dies bei Hunden mit Magen-Darm-Beschwerden. Nicht immer ist der Rücken dabei deutlich aufgekrümmt, manchmal sind es nur kleine Veränderungen der Rückenlinie.
- Eng angezogene Beine:
Ein Hund, der seine Beine dicht an den Körper presst, versucht möglicherweise eine schmerzende Stelle zu entlasten. Eine ungewohnte Liegeposition kann ebenfalls auf Schmerz hindeuten.
- Herunterhängende Rute:
Eine schlaff nach unten hängende Rute kann auf Schmerzen im Rückenbereich oder am Schwanzansatz hindeuten. Nach dem Schwimmen kann dies auch auf die sogenannte „Wasserrute“ hinweisen, eine schmerzhafte Reizung von Muskeln und Nerven.
Veränderungen im Gesichtsausdruck
Der Gesichtsausdruck eines Hundes ist ein weiterer Schlüssel zur Schmerzerkennung. Ein entspanntes Gesicht mit offenen, klaren Augen und leicht nach vorne gerichteten Ohren deutet auf Wohlbefinden hin. Hingegen können folgende Veränderungen auf Schmerzen hindeuten:
- Zusammengekniffene oder halb geschlossene Augen:
Ein Hund mit Schmerzen kneift die Augen oft leicht zusammen. Bei starken Schmerzen können die Augen auch starr aufgerissen sein.
- Veränderte Pupillengröße:
Erweiterte Pupillen können auf starke Schmerzen oder Angst hindeuten.
- Flache, nach hinten gedrehte Ohren:
Wenn die Ohren eines Hundes flach am Kopf anliegen oder leicht zur Seite kippen, deutet dies auf Unwohlsein oder Schmerz hin. Dies kann in Kombination mit hochgezogenen Augenbrauen einen „traurigen“ Gesichtsausdruck erzeugen.
- Angespanntes Gesicht und zurückgezogene Tasthaare:
Ein Hund mit Schmerzen hat oft eine angespannte Mimik. Die Tasthaare (Vibrissen), die eigentlich entspannt in einem kleinen Bogen nach unten hängen, werden dadurch näher an die Wangen gezogen, sind weniger gekrümmt oder stehen steif nach vorne. Die Stirn kann bei Schmerz gerunzelt und die Lefzen können angespannt nach hinten gezogen werden.
Hilfsmittel wie die „Grimace Scale“ (eine Skala zur Schmerzerkennung anhand verschiedener Gesichtsmerkmale) oder KI-basierte Schmerzerkennungsprogramme können Tierhalter:innen bei der Beobachtung ihres Hundes unterstützen. Dennoch sollte der Gesichtsausdruck des Hundes stets im Kontext des Gesamtverhaltens betrachtet werden, da rassebedingte Unterschiede (insbesondere bei kurzköpfigen Rassen) die Interpretation von Schmerzausdrücken erschweren können.
Auffälligkeiten beim Gangbild und der Bewegung
Schmerzbedingte Veränderungen im Bewegungsablauf sind oft leichter zu erkennen als subtile Gesichtsausdrücke. Während Hunde mit akuten Schmerzen die schmerzhafte Stelle meist auffällig entlasten und ein Auftreten vermeiden oder deutlich lahmen, zeigen Hunde mit chronischen Schmerzen oft ein nur leicht verändertes Fortbewegungsmuster. Oft fallen solche chronisch bedingten Veränderungen erst spät auf, da sie sich schleichend entwickeln und wir Menschen uns schnell daran gewöhnen. Deswegen ist es wichtig, immer wieder einen möglichst neutralen Blick auf die Fortbewegung des Hundes zu werfen und dabei auf folgende Anzeichen zu achten:
- Lahmheit oder Schonhaltung:
Ein Hund, der ein Bein entlastet oder ungleichmäßig läuft, tut dies vermutlich, um eine schmerzhafte Bewegung zu vermeiden.
- Zögerliches Springen oder Vermeiden von Höhen:
Wenn ein Hund plötzlich nicht mehr ins Auto oder auf das Sofa springen möchte oder Schwierigkeiten beim Treppenlaufen hat, kann dies auf Gelenkschmerzen oder Rückenprobleme hindeuten.
- Steife Bewegungen nach dem Aufstehen:
Hunde mit chronischen Gelenkschmerzen, beispielsweise durch Arthrose, zeigen nach Ruhephasen oft steife Bewegungen, die sich nach dem „Einlaufen“ bessern. Aufstehen, Hinlegen und Treppensteigen fällt Hunden bei arthrotischen Schmerzen besonders schwer.
- Welpensitz oder Hüpfen:
Der sogenannte „Welpensitz“ ist eine Schonhaltung und kann auf orthopädische Schmerzen hindeuten, wobei ein Bein nach außen gedreht ist, während das andere angewinkelt ist. Auch das kurze Hüpfen auf drei Beinen ist nicht physiologisch und kann einen Hinweis auf eine Fehlstellung der Kniescheibe geben.
Veränderungen in der Verdauung
Schmerzen – insbesondere im Magen-Darm-Bereich, aber auch orthopädische Schmerzen – können Veränderungen in der Verdauung auslösen.
- Durchfall:
Plötzlicher oder anhaltender Durchfall kann auf Schmerzen oder Unwohlsein im Magen-Darm-Bereich hindeuten.
- Verstopfung:
Schmerzen beim Hinhocken können dazu führen, dass der Hund den Kotabsatz vermeidet.
- Erbrechen:
Auch Würgen oder Erbrechen kann ein Hinweis auf Schmerz sein.
Veränderungen in der Lautäußerung
Hunde kommunizieren mit verschiedenen Lauten, doch Schmerzen werden oft nur im Akutfall lautstark zum Ausdruck gebracht. Hunde, die vor Schmerzen Laute von sich geben, leiden meistens unter starken akuten Schmerzen und sollten möglichst schnell medizinische Hilfe bekommen.
- Winseln, Jammern oder Jaulen:
Besonders ältere oder sonst ruhige Hunde, die plötzlich häufig winseln oder jammern, könnten Schmerzen haben. Eine tierärztliche Abklärung sollte hier Aufschluss bringen.
- Plötzliche Schreie oder Aufheulen:
Ein Hund, der bei einer Bewegung oder Berührung plötzlich aufheult, hat oft einen akuten Schmerz zugrunde liegen.
- Knurren oder Beißen:
Wenn ein Hund plötzlich aggressiv auf Berührungen oder Hochheben reagiert, insbesondere an einer bestimmten Körperstelle, ist das ein starkes Warnsignal für Schmerzen.
- Hecheln und Schmatzen:
Ein übermäßiges Hecheln oder auch ein ungewöhnliches Schmatzen kann Ausdruck von Schmerz sein. Nächtliches Hecheln oder plötzliches Hecheln im Ruhezustand ist dabei besonders auffällig. Eine erhöhte oder angestrengte Atmung kann allerdings auch auf Überhitzung oder Herzprobleme hindeuten.
Wann sollte eine Tierarztpraxis aufgesucht werden?
Schmerzen bedeuten für Tiere immer Stress und Leid. Deshalb sollten bereits kleine Veränderungen ernst genommen werden. Ein früher Tierarztbesuch kann Leiden ersparen und ermöglicht eine schnelle Behandlung, bevor sich der Zustand des Hundes verschlechtert. Heutzutage gibt es vielfältige und hervorragende Möglichkeiten, um Tieren die Schmerzen zu nehmen.
Ein Tierarztbesuch ist besonders dann ratsam, wenn:
- Der Hund über mehrere Tage hinweg Anzeichen von Schmerz zeigt.
- Plötzliche Wesensveränderungen oder Verhaltensauffälligkeiten auftreten.
- Der Hund Lahmheit, Probleme beim Putzen, Springen oder Probleme beim Ausscheidungsverhalten zeigt.
- Veränderungen in der Nahrungsaufnahme oder Unsauberkeit festgestellt werden.
- Veränderungen im Gewicht festgestellt werden.
Schmerzen erkennen heißt Verantwortung ernst nehmen
Die Körpersprache und das Verhalten eines Hundes sind wertvolle Indikatoren für Schmerzen. Da Schmerzen manchmal ganz kleine und schleichende Veränderungen hervorrufen, ist es nicht immer ganz einfach Veränderungen wahrzunehmen, aber deshalb umso wichtiger, auf subtile Anzeichen zu achten. Wer seinen Hund genau beobachtet und übt seine Körpersprache zu verstehen, kann Schmerzen frühzeitig erkennen und rechtzeitig tierärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Denn ein Leben ohne Schmerzen bedeutet Wohlbefinden und eine bessere Lebensqualität für Ihren Hund.