© Anna Sousa
Im Alltag Ruhe zu finden ist eine Fähigkeit, die viele Hunde erst lernen müssen.
Sitz, Platz, Bleib und ein zuverlässiger Rückruf – das sollte doch jeder Hund können, oder?
Zumindest gelten diese Signale für viele Menschen als das unumgängliche Hunde-1x1 und sie sind oft Bestandteil klassischer Erziehungskurse in Hundeschulen. In vielen Situationen ist es auch tatsächlich hilfreich, wenn ein Hund sich mit einem Wortsignal heranrufen, stoppen oder absetzen lässt. Ob ein Hund das kann, sagt jedoch nichts darüber aus, wie gut der Hund und sein Mensch sich in ihrem Alltag zurechtfinden und wie wohl sie sich miteinander fühlen – und genau das ist für eine vertrauensvolle Mensch-Tier-Beziehung und ein erfüllendes Miteinander entscheidend.
Wird dies in die Überlegungen über die wichtigsten Grundkompetenzen eines Hundes mit einbezogen, wird schnell klar: Die Erziehung eines Hundes ist kein Projekt, bei dem eine allgemein gültige Liste abgearbeitet werden kann. Vielmehr ist es die Begleitung und Stärkung eines Lebewesens, um den ganz individuellen Alltag stressfrei und freudig meistern zu können. In diesem Text schauen wir darauf, welche Kompetenzen Mensch-Hund-Teams wirklich benötigen und zeigen auf, wie individuell das im Einzelfall sein kann.
So braucht ein Hund, der auf einem ruhigen Landgrundstück lebt, andere Fähigkeiten als ein Hund in einer Großstadt. Ein Hund in einer kinderreichen Familie muss andere Dinge können als ein Hund, der seine Menschen ins Büro begleitet.
Nicht jeder Hund muss alles können. Um das erkennen und begleiten zu können, braucht es Menschen, die einen sensiblen Blick für ihr Tier und seine Bedürfnisse haben und die bereit sind, mit ihrem Hund an Alltagskompetenzen jenseits von Sitz, Platz, Bleib zu arbeiten.
Fähigkeiten, die Hunden helfen, ihren Alltag zu bewältigen
- Zur Ruhe finden: Eine der wichtigsten Fähigkeiten im Alltag eines Hundes ist, sich entspannen und Erregung regulieren zu können. Dabei geht es nicht darum, dass jeder Hund überall ruhig liegen muss, sondern dass jeder Hund in seinem individuellen Alltag genug zur Ruhe findet. Ein Familienhund profitiert vielleicht davon, in vielen verschiedenen Situationen an verschiedenen Orten ruhen zu können. Für ihn kann der Aufbau eines Ruhesignals, das ihn situationsunabhängig in die Entspannung führt, hilfreich sein. Ein anderer Hund profitiert von einem soliden Deckentraining, weil er im Büro auch bei Trubel auf seiner Decke liegen soll. Ein dritter Hund benötigt kein besonderes Ruhetraining, weil sein Alltag keine großen Ortswechsel vorsieht und er zuhause ohne Hilfe problemlos zur Ruhe kommt. Ein Hund, der genug ruhen und dösen kann, hat mehr Kapazitäten, um den Herausforderungen des Alltags gelassen zu begegnen.
- Mit Frustration umgehen: Frustration gehört zum Alltag eines Hundes. Nicht immer kann ein Hund erreichen, was er gerade möchte. Ein spannender Geruch kann nicht immer verfolgt und ein Artgenosse nicht immer begrüßt werden und auch das schönste Zerrspiel muss irgendwann beendet werden. Die Fähigkeit, mit solchen Situationen und dem dabei aufsteigendem Frust umzugehen, ist eine wichtige Alltagkompetenz und eine große Stressreduktion für den Hund. Dabei geht es nicht darum, einen Hund möglichst häufig bewusst zu frustrieren oder ihn „abhärten“ zu wollen, denn Frustrationstoleranz bedeutet nicht, dass ein Hund möglichst viel aushalten kann. Im Gegenteil, Frustrationstoleranz ist eine erschöpfbare Ressource. Viele kleine Belastungen können sich im Alltag summieren – beispielsweise wenig Schlaf, viele Reize, häufige Einschränkungen oder wiederholte stressige Situationen. Ist diese Kapazität erschöpft, fällt es Hunden schwerer, in Konfliktsituationen angemessen zu reagieren. Deshalb gehört zu einem guten Umgang mit Frustration nicht nur, dem Hund Strategien für schwierige Momente beizubringen, sondern auch, unnötige Frustration zu reduzieren.
- Eigene Strategien entwickeln – das Default Behavior: In der Verhaltensmedizin spielt das Konzept des Default Behaviors (engl. „Standardverhalten“) eine wichtige Rolle: ein Verhalten, auf das ein Hund in Situationen von Unsicherheit, Aufregung oder Frustration zurückgreifen kann. Je nach Hund kann das ein Blickkontakt zur Bezugsperson, ein Sitzen, ein Liegen, ein Schütteln oder ein ganz anderes sinnvolles Verhalten sein. Oft bieten Hunde eine Verhaltensidee an, die man durch gezielte positive Verstärkung ausbauen und festigen kann. Solche erlernten Strategien fördern die Selbstwirksamkeit des Hundes. Der Hund erlebt: „Ich bin in einer schwierigen Situation nicht hilflos ausgeliefert. Ich kann etwas tun, um mich besser zu fühlen“. Ziel ist dabei nicht ein Hund, der möglichst viel Frust aushält, sondern ein Hund, der über passende Strategien verfügt, Herausforderungen bewältigen zu können.
- Sich in seiner Umwelt zurechtfinden: Das Leben mit Menschen bringt für Hunde viele Anforderungen mit sich: laute Geräusche, neue Orte, unterschiedliche Menschen und Situationen. Es ist unsere Aufgabe, den Hund mit den Reizen seines Umfeldes und Alltages vertraut zu machen und ihm beizubringen, wie er auf welchen Reiz reagieren soll. Jedes Umfeld und jeder Hund bringen auch hier unterschiedliche Herausforderungen mit sich. So kann ein Hund in der Stadt lernen, dass Menschen auf Fahrrädern für ihn bedeutungslos sind und er sie einfach ignorieren kann. Ein Hund mit jagdlichen Ambitionen, der ländlich lebt, darf Strategien lernen, mit den vielen Wildgerüchen und Bewegungsreizen durch Vögel, Kaninchen & Co umzugehen. Wieder ein anderer Hund muss ein ausführliches Anti-Giftköder-Training absolvieren, um sich entspannt in seiner Umgebung bewegen zu können. Wichtig ist immer, dass der Hund wohlwollend und kleinschrittig an die Herausforderungen seines Alltags herangeführt wird. Dabei ist entscheidend, die Anforderungen an den jeweiligen Hund anzupassen und sich gut zu überlegen, wo im Training Schwerpunkte gesetzt werden. Nicht jedes unerwünschte Verhalten und jede Unsicherheit muss „wegtrainiert“ werden. Manchmal ist die beste Lösung auch, eine Situation zu vermeiden oder anders zu gestalten. Hier gilt es immer wieder zwischen den eigenen Prioritäten, den Bedürfnissen des Hundes und den gemeinsamen Trainingskapazitäten abzuwägen und dann Schwerpunkte im Training und im Alltagsmanagement zu setzen.
- Soziale Kommunikation mit Menschen und Artgenossen: Ein sozial kompetenter Hund kann die Körpersprache seiner Artgenossen lesen und kommuniziert situativ angemessen. Er kann Grenzen erkennen und selbst setzen und in Konflikten beschwichtigen, wenn es die Situation erfordert. Nicht jeder Hund ist dabei gleich stark in seinem Sozialverhalten, aber jeder Hund kann eine gewisse Höflichkeit in der Kontaktaufnahme mit Menschen und Hunden lernen. Dazu gehört auch die Akzeptanz, dass ein Hund nicht immer in den Kontakt gehen möchte und die Unterstützung des Hundes im Distanzaufbau, wenn er Vermeidungsverhalten in der Kontaktaufnahme zeigt.
Was wir Menschen lernen dürfen
- Den Hund sehen, der vor uns steht: Jeder Hund bringt seine eigene Persönlichkeit mit. Alter, Gesundheit, genetische Veranlagung, Erfahrungen und individuelle Bedürfnisse beeinflussen, welche Situationen einem Hund leichtfallen und welche ihn herausfordern. Eine gute Mensch-Hund-Beziehung beginnt deshalb damit, den eigenen Hund wirklich kennenzulernen. Dabei hilft es immer wieder, den Blick nicht auf andere Mensch-Hund-Teams und deren Können zu werfen, sondern sich selbst zu fragen: „Was braucht dieser Hund, damit er sich in seinem Leben wohlfühlt?“ Dazu gehört auch, die Grenzen des eigenen Hundes zu akzeptieren. Nicht selten sind die Vorstellungen und Träume vom Leben mit Hund anders als die Realität. Den eigenen Hund zu verstehen, bedeutet auch, ihn nicht ständig über seine Grenzen hinaus fördern zu wollen.
- Bedürfnisse erkennen und ermöglichen: Hunde brauchen im Alltag ausreichend Möglichkeiten, um arttypische Verhaltensweisen auszuleben: schnüffeln, erkunden, spielen, kauen, ruhen, passende soziale Kontakte. Der Alltag gibt oft erstaunlich wenig Raum für diese Bedürfnisse. Deswegen ist es unsere Aufgabe, die Bedürfnisse des Hundes zu kennen und immer wieder ganz bewusst in den Alltag einzubauen. Das kann ein Schnüffelspaziergang sein, auf dem der Hund das Tempo bestimmen und an allen Bäumen in Ruhe beschnüffeln darf, das können für einen jagdlich ambitionierten Hund Suchspiele oder eine Buddelsession sein und für einen anderen Hund kann das ein gemeinsamer Abend ohne Besuch und Trubel mit Kontaktliegen auf dem Sofa sein. Ein Hund, dessen Alltag nicht nur aus Einschränkungen besteht, sondern aus vielen Möglichkeiten, „Hundedingen“ nachzugehen, erlebt Kontrolle und Selbstwirksamkeit – und genau daraus entsteht die Möglichkeit und die Bereitschaft zur Kooperation für die wichtigen Situationen.
- Verhalten verstehen, statt zu bewerten: Viele hündische Verhaltensweisen werden von uns Menschen oft vorschnell bewertet. Der Hund ist stur, dominant, ungehorsam, frech oder trotzig. Aus verhaltensbiologischer Sicht lohnt sich jedoch immer, die Ursache einer Verhaltensweise zu hinterfragen. So steckt hinter scheinbarem Ungehorsam nicht selten Angst oder Überforderung. Wer die Ursache eines unerwünschten Verhaltens versteht, kann seinem Hund besser helfen, eine Verhaltensalternative zu erlernen.
- Erwartungen überprüfen: Ein fairer Umgang mit einem Hund bedeutet auch, die eigenen Anforderungen zu hinterfragen und immer wieder an das Tier und die Umstände anzupassen. Nicht jede Fähigkeit ist für jeden Hund und jede Familie notwendig. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob ein Hund etwas kann, sondern ob ein Hund diese Fähigkeit für das gemeinsame Leben braucht. Oft stecken hinter Erwartungen gesellschaftliche Normen oder Vergleiche mit anderen Hunden und Menschen. Manchmal kann es hilfreich sein, sich davon zu lösen und in enger Verbindung mit dem eigenen Tier einen ganz individuellen und passenden Weg zu finden.
- Sicherheit und Orientierung geben: Hunde profitieren von Menschen, die verlässlich und vorhersehbar sind. Orientierung bedeutet dabei nicht, dass der Hund ständig auf den Menschen achten muss. Sie entsteht vielmehr dadurch, dass der Mensch Situationen präzise einschätzt, Entscheidungen vorausschauend im Sinne des Hundes trifft und seinem Hund Sicherheit vermittelt. Dazu gehört ein strukturierter Alltag, fair und klar gesetzte Grenzen sowie Unterstützung und Co-Regulation in Stresssituationen.
Fazit: Was ein Hund wirklich können muss – und was das für uns Menschen bedeutet
Sitz, Platz, Bleib und andere Signale sind einem Hund nicht nur schnell beigebracht, sie greifen auch viel zu kurz, wenn es darum geht, was einen alltagskompetenten Hund ausmacht. Im Wesentlichen sind die Fähigkeiten eines Hundes davon abhängig, wie gut wir Menschen unsere Hunde verstehen und durchs Leben begleiten. Die Erziehung eines Hundes ist somit ein gemeinsamer Beobachtungs- und Lernprozess, in dem eine tiefe und erfüllende Beziehung wachsen kann.